weiteren Sinn als religiös zu bezeichnenden Glaubenshaltung undBrauchübung nichtchristlicher Art und der kirchlichen Lehr-meinung. Seit den frühchristlichen Jahrhunderten wurden heid-nische Glossar ::: zum Glossareintrag nische Bräuche und Meinungen von der Kirche verworfen, aberbei dieser Gelegenheit auch namhaft gemacht.¹) Diese missionari-sche Übung, die literarisch mitunter zu reinen Autoritätswieder-holungen führte, zeigt in der Periode der Aufnahme der Volks-sprachen in Dichtung und Predigt, also im sinkenden Hochmittel-alter, eine deutliche Neubelebung. Die Predigten Bertholdsvon Regensburg enthalten schon nicht mehr nur die seitCaesarius von Arles und Martin von Bracaraüblichen Aufzählungen, sondern Erwähnungen von Glaubens-meinungen, die offenbar dem Erlebniskreis des Predigers ange-hört haben müssen. 2) Das Spätmittelalter nimmt diese Notegeradezu als Bereicherung ihrer theologischen Literatur auf, undan die Mystiker wie Nikolaus von Dinkelsbühel lassensich die ersten Zeugnisse eines derartigen Beobachtens und Auf-zeichnens auch auf österreichischem Boden anknüpfen.³)
Auf Grund von zum Teil noch unbekannten Quellen undVorlagen stellt nämlich um 1411 der Südtiroler Hans Vintlerin seinem Lehrgedicht„ Pluemen der Tugent" 4) eine Aber-glaubensliste zusammen, die eine ganz beträchtliche Kenntnis desVolksglaubens der Zeit bezeugt.5) Die italienische Vorlage Vint-lers, die ,, fiori di virtu", enthält die Aberglaubensliste nicht,Vintler hat also selbständig nach einer Erweiterung im Sinn desBeobachtens einer von ihm als andersartig betrachteten Über-lieferung getrachtet. Dabei nahm er Züge des Volksglaubens auf,die bis zur Gegenwart geläufig sind, beispielsweise das Ver-schlucken von Palmkätzchen am Palmsonntag 6) oder das Anziehendes rechten Schuhes vor dem linken.')
Ähnliche Aberglaubenslisten sind in der Beichtspiegelliteraturder Zeit häufig, doch meist erst nach Vintler bezeugt. Ungefährgleichzeitig dürfte das Verzeichnis von Zaubereien inder Papierhandschrift Nr. 222 des oberösterreichischen KlostersLambach sein.8) Es enthält sechzehn Punkte, von denen sichvierzehn in einer der unmittelbaren Vorlagen Vintlers finden,wodurch die innere Verflechtung dieser Literatur deutlich wird.
In den gleichen Zusammenhängen steht auch der„, Tractatusde decem praeceptis" von Thomas Ebendorfer vonHaselbach, 1439.9) Ebendorfer, der bedeutende Theologe undHistoriker, Rektor der Wiener Universität, 10) schöpft in dieserhandschriftlich stark verbreiteten Auslegung der zehn Gebotenicht nur aus der Gewissensspiegelliteratur der Zeit, sondern auchaus der persönlichen Anschauung. Dies geht unter anderemdaraus hervor, daß manche der von ihm erwähnten Segensformeln
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