In Bezug auf die oben getroffene Einteilung in Epochen, die sich ausdem Verhältnis der Kirche zum Staat ergeben, wodurch zwei große Phasenunterschieden werden können, kann eine nach ihrem zeitlichen Auftretengeordnete Reihe der Gnadenbilder aufgestellt werden. Diese berücksichtigt,soweit es möglich ist, auch die Verbreitung und kultische Tiefenwirkung dereinzelnen ikonographischen Gnadenbildtypen
Für unsere Zeit ist sowohl kultgeschichtlich als auch ikonographisch dieerste bis um 1700 reichende Epoche des gegenreformatorischen Reichskirchen-tums die Quelle aller weiteren Entwicklung. Im Mittelpunkt stehen entspre-chend dem Charakter dieser Epoche jene Gnadenbilder, die als Palladium desHauses Österreich in Kriegsnöten gegen die Türken und Protestanten ver-ehrt wurden oder solche, deren Übernahme sich aus der parallelen kultischenPatronanz in der Ostkirche erklärt. Hier sind Maria Candia( 1) und vorallem Maria Pötsch( 3) anzuführen, deren Herkunft und ikonographischerTypus die Grundlage ihrer kultischen Stellung ausmachen. Waren diesebeiden Bilder in der Türkenzeit nach Wien und zu religiösem Ansehengekommen, so ist das Mariahilfbild Lucas Cranachs in seinem InnsbruckerOriginal eindeutig ebenfalls als Heiligtum der Habsburger anzusprechen 280)( vgl. Abb. 21). Dieses Element der Verehrung des Innsbrucker Originals wirktauch allerdings bezeichnenderweise nach 1700 abnehmendFiliationen in Passau, weniger aber in Wien nach, wenn auch zum WienerMariahilfbild( 99) noch anläßlich der Kriegsläufe des 18. Jahrhunderts vomHof Bittprozessionen veranstaltet wurden. Aus der ursprünglich familiärendynastischen Verehrung erlangte das Mariahilfbild über die PassauerFiliation eine sich steigernde volkstümliche Bedeutung. Die engste Ver-bindung dieser Gruppe der„ Reichsheiligtümer" zu den Orden geht über diePerson des ehrwürdigen Dominicus a Jesu Maria das Gnadenbild derunbeschuhten Karmeliter„ Maria mit dem geneigten Haupt"( 52) ein, dessenVerbreitung durch beide Momente, die gegenreformatorisch- politische Be-deutung und die Ordensverehrung, gegeben ist. Auch sonst ist die Über-
in den
280) Vgl. das Thesenblatt für F. A. Kofler von Rundenstein aus Innsbruck undJakob Siberer aus Schwaz 1674, signiert„ Egid Schor_del. B. Kilian sculps".( Inns-bruck, Universitätsbibliothek, Sammlung Roschmann, Tirolische Kunstlehre, Kupfer-stichband I mit Stichen nach J. B. Hueber etc., fol. 8). Das Blatt stellt das Maria-hilfer Gnadenbild in Innsbruck dar, von dem Strahlen ausgehen, die die Wappen-schilde von Austria inferior und superior treffen, deren Widerschein auf Leopold I.und Claudia Felicitas von Tirol( vermählt 15. 10. 1673) fällt. Vom Bild selbst gehtein Band aus, das mit den Namen der habsburgischen Herrscher beschrieben ist, zudenen nach Leopold I.( XV) eine Hand gerade im Begriffe ist, die Zahl XVI( denerwünschten Erben) anzufügen. Ein weiteres Spruchband, das von den das Gnaden-bild stützenden Engeln gehalten wird, bezeichnet das Bild als„ auxilium Austria-corum". Im Hintergrund ist hinter dem knieenden Leopold I.( in Anspielung aufseine Herkunft aus der steirischen Linie der Habsburger) Graz gegeben, unterhalbdes Mariahilfbildes die Mariahilfkirche in Innsbruck( geweiht 1660) und hinter derknieenden Claudia Felicitas( Erbtochter der tirolischen Linie der Habsburger)Innsbruck. Beide Figuren empfangen vom Mariahilfbild, dessen Engelumrahmungkompositionell dem Gnadenaltar der Innsbrucker Mariahilfkirche von Johann PaulSchor entspricht, Segensstrahlen, die bei Leopold I. den Reichsapfel treffen, beiClaudia Felicitas aber eine Perle in eine emporgehaltene Muschel fallen lassen.Diese Darstellung bezieht sich auf die These De corpore animato" der beidenPhilosophiekandidaten, die in 10 Sätzen( im Mittelstück des Postaments zu lesen),, Claudiae partum optatissimum" behandeln und mit„, ergo vivit sanguis Austriacuset in prole augustissima vivit uterque parens" schließen. Damit ist die enge Ver-bindung des Mariahilfbildes mit dem dynastischen Familienleben und die allgemeinpolitische Bedeutung, die ihm zukam, erwiesen( vgl. Abb. 21).
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