Gegen diese Art der Frömmigkeit, sowohl gegen ihre Gegenstände,Formen und Träger als auch gegen die Disposition dazu, richten sich beson-ders seit der Mitte des 18. Jahrhunderts kirchliche und landesfürstlicheErlässe und„ philosophische" Ablehnung. Diese Ablehnung ist aber eineebenso komplexe Erscheinung wie die Frömmigkeit selbst. Es muß daherbei ihrer Betrachtung unterschieden werden, ob sie aus der innerkirchlichenreformkatholischen Bewegung herkommt, ob sie dem Prinzip des absolu-tistischen Staates entspringt und inwieweit sie letzten Endes mit einerallgemeinen Änderung der Einstellung zur Frömmigkeit zusammenhängt.
Eine innerkirchliche Kritik an der Frömmigkeit der behandelten Zeitgibt es schon früh 142), sie bleibt aber durch jene eigenartige Verknüpfungder sozial führenden Schichten mit den Initiatoren dieser Frömmigkeit ohnesofortige Wirkung. Diese beginnt erst seit dem Auftreten des Reform-katholizismus 143). Vor allem in den Werken Muratoris sind die Grundlagenfür die kirchlichen Erlässe gegeben. Am wichtigsten für unsere Arbeit ist" Die wahre Andacht des Christen" 144), die unter dem italienischen Titel„ Della regolata divozione de christiani" 1723 erschien. Ausgehend von derForderung nach einer neuen Auffassung des Verhältnisses der Gläubigenzum Meẞopfer, der Forderung nach einer liturgischen Gemeinde, wird derFrömmigkeitswert der Andachten zu den Heiligen, zu Maria, zu denReliquien und Bildern der Heiligen und der„ Volksandachten" in seinenGrenzen dargestellt und eine praktische caritative Frömmigkeit gegenüberder betrachtenden gefordert 145). Diese Kritik richtet sich sowohl gegen dasvolkstümliche Denken, dem die Patronanz mancher Heiliger entspringt 146),und das etwa unter den vielen Beinamen Mariens nicht immer die einzigeMuttergottes sieht 147), als auch gegen die Vermischung der Gegenstände imKult, wie sie z. B. im Gebrauch der Loretolitanei vor dem ausgesetztenAllerheiligsten vorkommt 148). Im selben Sinne, die Vielfalt der Andachtengegenüber der zu Christus abgrenzend, tritt diese reformkatholische Kritikim Hirtenbrief des Kardinals Johann Joseph Trautson( 1751-57) vom 1. 1.1752 als Weisung für die Prediger der Wiener Diözese in Erscheinung 149).Aus dieser Einstellung heraus, die durch die Berufung auf das Konzil vonTrient charakterisiert ist, wird zuerst eine Art Meldepflicht für öffentlicheAndachten und Prozessionen eingeführt 150), dann die Bruderschaften imbesonderen angehalten, ihre Andachten, Bücher und Requisiten 151) anzu-
142) Vgl. die Feststellung der Ritenkongregation in Bezug auf das Anwachsender Bruderschaften 1703( Tomek, a. a. O., 310).
143) Für seine Wurzeln und Vertreter vgl. E. Winter, Der Josefinismus undseine Geschichte, Brünn- München- Wien 1943, 17 ff.
144) Es wird die dritte( deutsche) Auflage 1762 verwendet und zitiert.145) Muratori, a. a. O., 191-278.
146) Muratori, a. a. O., 195 f.
147) Muratori, a. a. O., 253.
148) Muratori, a. a. O., 240.
149)„ Es wird vorteilhaft sein, von der Verehrung der Gnadenbilder, von Wall-fahrten, Ablässen, Bruderschaften zu sprechen, doch so, daß derley Gegenständeweder auf eine übertriebene Art angepriesen, noch durch schwache Beweistümer...unterstützt werden." Es werden die Prediger kritisiert, die ,, die Verehrung derentweder wirklichen oder vermeintlichen Gnadenbilder aus allen Kräften an-empfehlen und Christum die Quelle aller Gnaden... hintansetzen"( J. Kopallik,Regesten zur Geschichte der Bischöfe und Erzbischöfe Wiens, Wien 1894, 380 f.).150) EBOA, Kurrende Wien vom 8. 10. 1751. d
151) EBOA, Kurrende Wien vom 20. 3. 1752.
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