Kapitel 11
SCHWANK UND„, PORNOGRAPHIE“ IM
GRIECHISCHEN KARNEVALSLIED
Zum ,, mundus reversus" der Karnevalsperiode', wo die Welt auch in dengriechischen Ruralgebieten ,, auf dem Kopf steht“, d.h. die Alltagsordnungmit ihren Rollen, Verhaltensnormen, Wertgefügen usw. in das schiere Ge-genteil verkehrt wird, gehören Geschlechtswechselverkleidungen, verbaleund gestische Freizügigkeit, ein gewisses ,, orgiastisches" Verhalten², an demauch die Frauen und Mädchen teilnehmen, die es sonst vermeiden, auch nurGegenstand eines Männergesprächs zu werden³. Die Leitwerte, wie ,, Ehre"und ,, Scham/ Schande" werden temporär außer Kraft gesetzt, wenn sich dieBurschen und Männer das Gesicht schwärzen, was bei den Prangerumzügenim byzantinischen Hippodrom schon als entehrend galt, Kinder, Mädchenund Frauen dem ,, phallischen" Gehabe der Verkleideten zusehen und aktivan den ,, losen Reden" teilnehmen. Dies mag vom Standpunkt neuzeitlicherPädagogik eine etwas rüde Strategie der ,, Aufklärung" darstellen, dochwerden im Weltbild der Volkskultur und ihrem Wissensschatz mit Anwen-dungsregeln, den Sprichwörtern und Spruchweisheiten, die Dinge beim
1 Zu den Theorien zum griechischen Ruralkarneval und seiner Morphologie und Entstehungvgl. die Zusammenstellung bei W. Puchner, Brauchtumserscheinungen Glossar ::: zum Glossareintrag Brauchtumserscheinungen im griechischenJahreslauf und ihre Beziehungen zum Volkstheater. Theaterwissenschaftlich- volkskundli-che Querschnittstudien zur südbalkan- mediterranen Volkskultur. Wien 1977( Veröffentli-chungen des Österreichischen Museums für Volkskunde, Bd. 18) S. 257ff., 262ff., S. 277ff.und 280ff. Dazu ist nun noch Mosers Theorie von der vorwiegend christlichen Abkunft derFastnacht zu berücksichtigen, deren Konsequenzen jedoch für die byzantinische Kirchenoch zu verifizieren wäre( D.-R. Moser, Fastnacht- Fasching- Karneval. Das Fest der,, verkehrten Welt". Graz, Köln, Wien 1986; sowie ders., Bräuche und Feste im christlichenJahreslauf. Brauchformen der Gegenwart in kulturgeschichtlichen Zusammenhängen.Graz, Köln, Wien 1992).
2 Die Morphologie des griechischen Ruralkarnevals läßt sich durchaus auch in den vonBachtin geprägten Begriffen beschreiben( M. Bachtin, Literatur und Karneval. Zur Ro-mantheorie und Lachkultur. München 1969 und ders., L'Oeuvre de François Rabelais etla culture populaire au Moyen- Age et sous la Renaissance. Paris 1970). Dazu auch G.Kiurtsakis, Καρναβάλι και Καραγκιόζης. Οι ρίζες και οι μεταμορφώσεις του λαϊκούyéλiov. Athen 1985.
3 Das Material bei Puchner, Brauchtumserscheinungen Glossar ::: zum Glossareintrag Brauchtumserscheinungen, op. cit., S. 187–275.
4 Dazu vor allem J. K. Campbell, Honour, Family and Patronage. Oxford 1964 und die inAnm. 3 von Kap. 8 angegebene Literatur.
5 Zur Morphologie des Rollentyps ,, Araber" vgl. Puchner, Brauchtumserscheinungen Glossar ::: zum Glossareintrag Brauchtumserscheinungen,op. cit., S. 377( Index).
6 Zur Schimpfgebärde der ,, muntza"( die ,, Ruß" bedeutet) und dem Ursprung ihrer Bedeu-tung in der diapompeusis des byzantinischen Hippodroms vgl. W. Puchner, Körpersprache.Am Beispiel Griechenlands. In: D. Burkhart( ed.), Körper, Essen und Trinken im Kultur-verständnis der Balkanvölker. Berlin 1991, S. 149 155, bes. S. 152ff.( mit weitererLiteratur).
7 Vgl. Puchner, Brauchtumserscheinungen Glossar ::: zum Glossareintrag Brauchtumserscheinungen op. cit., S. 387( Index: ,, Phallophorie" ,,, Phal-lus").
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