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Studien zum griechischen Volkslied
Entstehung
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Kapitel 5

DAS MOTIV DES FREMDEN( XENOS) UND

DER ,, FREMDE"( XENITIA)

IM GRIECHISCHEN VOLKSGESANGFremdbilder zwischen Sarazenenüberfall undGastarbeiterproblematik

Der Soziologie und vor allem der Gruppendynamik' sind die Begriffe,, Autostereotyp" und ,, Heterostereotyp" geläufig, um das Bild einer spezi-ellen Gruppe von sich selbst und von andern Gruppen zu kennzeichnen. DasBild der ,, Anderen" entspringt dabei nicht so sehr konkreter Kenntnis,sondern hat eher die Funktion, eine solche zu ersetzen: es handelt sich umeine ideologische Konstruktion zur Degradierung des( und der) Anderen undder Idealisierung seiner selbst: die ,, Anderen sind all das, was ,, Wir" nichtsind². Diese Negativdefinition fungiert als Abwehrmechanismus alles,, Fremden", affirmativ für den Gruppenzusammenhalt, stärkend für das,, Wir"-Bewußtsein, separierend für alles Andere, Fremde. ÄhnlicheMechnismen sind auch im Falle des Gruppen- Outsiders anzutreffen, dertoleriert wird oder auf rituelle Weise ausgestoßen³, indem ihm als Sünden-bock kollektive Schuldgefühle und allgemeines Übel aufgebürdet werden( wie im antiken Pharmakos- Ritus, den mannigfaltigen Judas- Bräuchenusw.). 4

Die Konzeption des ,, xenos", des Fremden, in der griechischen Volkskulturerstreckt sich auf verschiedene semantische Ebenen: auf eine Familienebene( wo ,, xenos" das Mitglied einer anderen Familie ist), auf eine Kommunität-sebene( wo ,, xenos" der Einwohner eines anderen Dorfes ist), auf eineRegionalebene( wo er Zugehöriger einer anderen Region ist, der einenunterschiedlichen Dialekt spricht, sich eventuell auch anders kleidet undbenimmt), und auf eine nationale oder ethnische Ebene( wo der Türke, derBulgare, der Vlache, the Jude, der ,, Franke"[ Westler, Lateiner] usw. unter-schieden wird und die Differenzkriterien linguistischer, kultureller oderreligiöser Natur sind). Die Aktions- und Reaktionsmuster der Volkskultur alseiner funktionierenden Großgruppe mit wechselndem Toleranzquotienten istim allgemeinen nicht anfällig für die ,, xenomania", die Überschätzung undNachahmungssucht alles Fremden; dies war ein charakteristisches Phäno-1 Vgl. in Auswahl: P. R. Hofstätter, Gruppendynamik. Reinbek 1971; M. E. Shaw, Groupdynamics. New York 1976; D. Cartwright/ A. Zander( eds.), Group dynamics. New York1960; J. H. Davis, Group performance. Reading 1969 usw.

2 Vgl. auch P. R. Hofstätter, Einführung in die Sozialpsychologie. Stuttgart 1959.

3 G. W. Allport, Treibjagd auf Sündenböcke. Berlin/ Bad Nauheim 1951; ders., Die Natur desVorurteils. Köln 1971.

4 Zum Pharmakos- Ritus J.-P. Guépin, The tragic paradox. Amsterdam 1968; zu Judas alsSündenbock P. Dinzelbacher, Judastraditionen. Wien 1977.

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