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Studien zum griechischen Volkslied
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Kapitel 3

DIE KRETISCHE BALLADE DER ,,], EROPHILE"

Vorliegendes Arbeit greift ein Thema auf, das in der Festschrift für FelixKarlinger schon kurz angedeutet worden ist', dessen philologisch detaillierteAusführung aber einer eigenen Studie vorbehalten bleiben muß². Auch hierkann nur versucht werden, in die spezielle Problemstellung einzuführen, dieMethode der Untersuchung zu skizzieren sowie die Ergebnisse interpretativzu kommentieren.

Zehn kretische Versballaden, von denen sieben erst in allerjüngster Zeitentdeckt wurden, folgen inhaltlich ziemlich genau der Handlung der Ver-stragödie ,, Erophile" von Georgios Chortatsis, etwa um 1600 auf Kretaentstanden³. Die zum Teil sehr unterschiedlichen Balladenversionen, diedeutlich die Spuren der oralen Tradierung aufweisen, greifen bestimmteHandlungselemente auf, die sie in ein neues, komprimierteres Kausalitäts-und Formgefüge stellen, das der kretischen Balladentradition, ihrenFormkonventionen und ihrem Weltbild voll entspricht. Diese Umsetzungeines der individualkünstlerischen Ästhetik angehörenden Werkes derHochliteratur der ausklingenden Spätrenaissance, ein Vorgang, der kulturhi-storisch noch näher zu prüfen sein wird, in die Expressionsnormen oralerVolksliteratur hat dazu geführt, daß Verspassagen, die unverändert übernom-men worden sind, in falschem Zusammenhang zitiert, von der falschenPerson gesprochen oder überhaupt verstümmelt werden und die Zwischen-räume zwischen den Zitaten mit Wanderversen, formelhaftem Liedgut oderaus eigenschöpferischer Leistung der Liedsänger überbrückt werden. DieFragestellung, die uns hier beschäftigen soll, ist zum einen eine theaterwis-senschaftlich- dramaturgische, zum anderen eine volkskundlich- philologi-sche: warum werden einige Verse des Theaterstücks memoriert, während

1 W. Puchner, Romanische Renaissance- und Barockmotive in schriftlicher und mündlicherTradition Südosteuropas. Volksbuch, Volksschauspiel, Volkslied und Märchen. Europäi-sche Volksliteratur. Festschrift für Felix Karlinger. Wien 1980( Raabser Märchen- Reihe4) S. 119 150, bes. S. 140-144.

2 Diese ist inzwischen erschienen: W. Puchner, H ,, Epwoín σrn Snµán pádΚρήτης. Δραματουργικές παρατηρήσεις στις κρητικές παραλογές της τραγωδίαςtov Xoptάton. Ariadne 1( Rethymno 1983) S. 173- 235, mit zehn Diagrammen undTabellen. Vgl. auch Kap. 5 im Band: W. Puchner, Еλληvɩкη Оεατрoλoyía. Athen 1988,S. 127-190. Eine umfassende Darstellung des Nachlebens der Tragödie von Chortatsiswird auch die sogenannte ,, rumeliotische" Volksschauspieltradition des Erophile- Stoffesmit bisher sieben aufgezeichneten Varianten zu untersuchen haben. Dazu vorläufig: W.Puchner, Kretische Renaissance- und Barockdramatik in Volksaufführungen auf denSieben Inseln. Österreichische Zeitschrift für Volkskunde XXX/ 79( 1976) S. 232-242.3 Zur Bibliographie des berühmtesten Stückes von Chortatsis vgl. nun St. Alexiu/ M. Apos-kiti, Ερωφίλη, τραγωδία Γεωργίου Χορτάτση. Athen 1988, S. 287- 293, sowie die ältereStudie von W. Puchner ,,, Kretisches Theater" zwichen Renaissance und Barock( ca. 1590-1669). Forschungsbericht und Forschungsfragen. Maske und Kothurn 26( 1980) S. 85-

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