Kapitel 7
DAS GRIECHISCHE LAZARUSLIED
Vom religiösen Erzähllied zur gesungenen Gabenbitte
Unter den mehr als tausend Varianten des Lazarusliedes im orthodoxenBalkanraum und im ostmediterranen Becken bildet das griechische Lazarus-lied den Kernbestand, sowohl was die Anzahl anbetrifft als auch den Inhalt;denn nur hier ist die religiöse Substanz des Ansingeliedes der Mädchen amsabbato ante palmas erhalten, im östlichen Hellenentum ist sogar der engeKonnex zur ekklesialen Praxis noch gegeben, während die südslawischenVarianten einen Zug zur Kontamination mit Liebes-, Frühlings- und Hoch-zeitsliedern aufweisen'. Die vorliegende Untersuchung, die einen Aspekt ausdem volkskundlich relevanten Erscheinungskomplex ,, Lazarus" heraus-bricht², erstellt eine textlich fundierte Typologie und zonengeographischeSymptomatik der Lazaruslieder in Griechenland und Zypern sowie imweiteren südosteuropäischen Raum orthodoxer Glaubenszugehörigkeit; siezielt auf eine möglichst weitgehende Erfassung der Liedvarianten, auchwenn sie keine letzte Vollständigkeit versprechen kann³; von einer reinphilologischen exakten Sprachanalyse wird ebenfalls abgesehen, da derInteressensschwerpunkt auf der Inhaltstypologie und der Motivanalyse liegt.Die Untersuchung stößt auf mannigfache Schwierigkeiten der bibliographi-schen Zugänglichkeit, auf die bekannten intranationalen Forschungstra-ditionen, und wird auch von der Tatsache erschwert, daß es keine übergrei-1 Vgl. W. Puchner, Lazarusbrauch in Südosteuropa. Proben und Überblick. ÖsterreichischeZeitschrift für Volkskunde XXXII/ 81( 1978) S. 17-40; ders., Südosteuropäische Versionendes Liedes von ,, Lazarus redivivus". Jahrbuch für Volksliedforschung 24( 1979) S. 81-126; ders., Studien zum Kulturkontext der liturgischen Szene. Lazarus und Judas alsreligiöse Volksfiguren in Bild und Brauch, Lied und Legende Südosteuropas. 2 Bde. Wien1991( Denkschriften der Österr. Akademie der Wissenschaften, phil.- hist. Klasse, 216),
bes. S. 37ff.
2 Zur Brauchmorphologie auch W. Puchner, Brauchtumserscheinungen Glossar ::: zum Glossareintrag Brauchtumserscheinungen im griechischenJahreslauf und ihre Beziehungen zum Volkstheater. Theaterwissenschaftlich- volkskundli-che Untersuchungen zur südbalkan- mediterranen Volkskultur. Wien 1977( Veröffentlichun-gen des Österr. Museum für Volkskunde, Bd. 18) S. 71ff., 82ff., 97ff., 105, 116ff., 150,200ff., 222f., 246, 257ff., 313ff. Unter alterssoziologischen Aspekten auch ders., Spurenfrauenbündischer Organisationsformen im neugriechischen Jahreslaufbrauchtum Glossar ::: zum Glossareintrag Jahreslaufbrauchtum. Schwei-zer. Archiv für Volkskunde 72( 1976) S. 146- 170 und ders., Normative Aspekte derFrauenrolle in den exklusiv femininen Riten des hellenophonen Balkanraums. In: N. Reiter( ed.), Die Stellung der Frau auf dem Balkan. Berlin 1987, S. 133–141. Zur Brauchmor-phologie im gesamten orthodoxen Balkanraum vgl. W. Puchner, Studien zum Kulturkontextder liturgischen Szene, op. cit., S. 48ff.
3 Wie diese z.B. Georgios Megas in seiner Balladenmonographie geleistet hat( G. A. Megas,Die Ballade von der Arta- Brücke. Eine vergleichende Untersuchung. Thessaloniki 1976[ Institut for Balkan Studies, 150]).
4 Wie sie z.B. Bertrand Bouvier für die Marienklage vorgelegt hat( B. Bouvier, Le Mirologuede la Vierge. Chansons et poèmes grecs sur la Passion du Christ. I. La chanson populairede Vendredi Saint. Genève 1976[ Bibliotheca Helvetica Romana, 16]).
125