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Studien zum griechischen Volkslied
Entstehung
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Der Fremde in der lokalen Tradition

Jede soziale Gruppe verfügt über ein Set von Schutzmechanismen, die derAuflösung entgegenwirken und das ,, Wir"-Bewußtsein kräftigen. In dergriechischen Volkskultur sind diese Mechanismen, mit denen dem ,, Frem-den" begegnet wird, auf drei Ebenen am Werk: der Familie, dem Dorf oderder Region, und der Nation oder dem Ethnos. Temporäre Kontakte, die vonder rituellen Gastfreundschaft gemeistert werden( auf allen drei Ebenen)oder dem Tourismus( auf der dritten Ebene) stehen hier nicht zur Debatte,sondern permanente Kontakte, professioneller oder anderer Natur, die diekulturelle Identität bedrohen und nicht durch rituelle Hospitalität aufgefan-gen und ,, neutralisiert" werden können.

a) Familienebene

Die grundlegende Sozialmonade der griechischen Volkskultur ist nicht dasIndividuum sondern die Familie, sowohl die Kernfamilie als auch dieerweiterte Familie( extended family) 10. Die interfamiliären Beziehungen,abgesehen von traditionellen Institutionen wie Nothilfeverpflichtung, Nach-barschaft und Selbstverwaltung( kollektive Verantwortung für die Gescheh-nisse im Dorf), sind charakterisiert durch Antagonismus und Rivalität¹¹. Diesist aus einfachen Sprichwörtern abzulesen( wie z.B. ,, Unser eigenes Kindhat Gold in den Ohren, des Nachbars Sohn ist ein richtiger Esel"), die zeigen,daß der übliche Heterostereotyp auf der Familienebene ein vorwiegendnegativer ist. Der gesellschaftliche Status der Familie hängt vom sozialenAnsehen des Vaters ab: die gesellschaftliche Hierarchie der Familien auf derKommunitätsebene manifestiert sich in der Reihenfolge, in der die Ansinge-lieder der ,, kalanda", in den Zwölften von den Jungen und am Lazarussams-tag( sabbato ante palmas) von den Mädchen abgesungen werden, wenn siein Prozession von Haus zu Haus gehen, bei dem Haus des Priesters oder desBürgermeisters beginnend. Die Lieder auf den pater familias sind nachBerufen differenziert, während die Loblieder auf die übrigen Familienmit-glieder den Kriterien von Alter, Geschlecht und Status( verheiratet, ledig)folgen 12. Familien, die einer Tabubrechung unterliegen( durch Nichtöffnen,Erlaubnisverweigerung, unpassende Gabe usw.) werden mit eigenen Spott-liedern bedacht, ihre Mitglieder dürfen an der pompa nicht teilnehmen.Trauernde Familien werden von den Sängern nicht aufgesucht: sie stehen für10 Zu den Formen der erweiterten Familie, die in Griechenland gewöhnlich nicht mit derzentralbalkanischen ,, zadruga" zu vergleichen ist, siehe vor allem E. P. Alexakis, yέvηκαι η οικογένεια στην παραδοσιακή κοινωνία της Μάνης. Athen 1980.11 Zu einer Analyse mit der einschlägigen anthropologischen Literatur vgl. die Studie W.Puchner, Die Memoiren des griechischen Revolutionsgenerals Makryjannis aus kulturan-thropologischer Sicht. Südost- Forschungen 34( 1975) S. 166-194, bes. S. 181ff.

12 Beispiele und Analysen in W. Puchner, Brauchtumserscheinungen Glossar ::: zum Glossareintrag  Brauchtumserscheinungen im griechischen Jah-reslauf und ihre Beziehungen zum Volkstheater. Wien 1977, S. 76-81.

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