Kapitel 11
LEBENSERZÄHLUNGEN VONMESSENISCHEN BÄUERINNEN
Wenn man die volkskundlichen Sammlungen betrachtet, nicht nur die dilet-tantischen, sondern auch die professionellen von wissenschaftlich geschul-ten Volkskundlern, so wird man feststellen, daß sie als grundlegendesAufbauprinzip das Stichwort bzw. den Fachterminus( das Lemma) haben:ausgehend von einem bekannten Thema wird eine gezielte Frage gestellt,z.B. nach der Hochzeit, nach Kinderspielen, nach volkstümlichen Berufenin einer spezifischen Gemeinde usw.
Die lemmatische Methode funktioniert ausgezeichnet, wenn sie sich aufelaborierte Fragebögen stützen kann, und nimmt dann wichtiges Materialbis in die kleinsten Einzelheiten hin auf, die für die Rekonstruktion desVolkslebens in einer wesentlich der Vergangenheit angehörenden Epocheunentbehrlich sind. Dies bringt jedoch eine Zerstückelung des Lebensgan-zen auf der einen und eine Entpersönlichung der Information auf der anderenSeite mit sich; das Lebenstotum und das Eigenprofil des Informationsträgers( der Gewährsperson) treten hinter diesen Sammelstrategien zurück, obwohlsie in einem gewissen Sinne für die Synthese( oder besser die Anasynthesenach der Analyse) einer Epoche und ihrer Wissenstrukturen wesentlichersind als der geordnete Haufen der Detailinformationen: sie geben Aufschlußüber die holistische Lebensanschauung einer Kommunität in einer gewissenEpoche und zugleich die individuelle Interpretation und Wiedergabe dieserAnschauung, wie sie sich in der Erzählung von Ereignissen aus einer solchensubjektiver Sicht widerspiegelt.
Die lemmatische Methode wäre also, wenn nicht zu ersetzen so doch zuergänzen, durch die Anwendung einer anderen: der Materialsammlung ausjeglicher Form von Erzählung und Nacherzählung des Lebens von Dorfleu-ten, ihres spezifischen eigenen Lebens im Rahmen des Lebens der Dorfgrup-pe. In solchen erzählten Autobiographien spielt der subjektive Faktor einegrößere Rolle und es verringert sich dementsprechend der Informationswertüber„, technische" Gegebenheiten( wie dies oder jener vor sich gegangen istoder gemacht wird); dafür aber steigt die Informationsqualität über Dingewie moralische Einstellungen, soziale Kritik und subjektive Beurteilung vonVorkommnissen usw. Die„ Subjektivität“ dieser Angaben ist bei Mitgliedernvon traditionellen Gesellschaftsgruppen freilich etwas„ objektiver" zu beur-teilen als die individualistischen Meinungen von Bewohnern urbaner Zen-tren.
Seit 1975 sammle ich mit meinen Studenten systematisch solche erzähltenAutobiographien, die kürzer oder länger sind, je nach der Erzählfreude derGewährspersonen, der Fülle der erlebten Ereignisse oder der Fragefähigkeitder Feldforscher. Hier seien zwei Beispiele von messenischen Bäuerinnen
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