Kapitel 7
LIEDER IN GRIECHISCHEN MÄRCHEN
Gegenstand der Antrittsvorlesung des Professors für Romanische Philolo-gie, Felix Karlinger, an der Universität Salzburg im Jahre 1967 war„ DieFunktion des Liedes im Märchen der Romania" 263. Der bekannte Philologeund Märchenforscher stellte dabei fest, daß viele Märchen( in der Vergan-genheit wohl noch mehr) Verse enthalten, die sogar gesungen werden, selbstheute noch. ,, Bei den nun wirklich gesungenen Liedern in den romanischenMärchen handelt es sich in keinem einzigen Fall um eine Einschiebung, umeinen lyrischen Ruhepunkt herzustellen oder um lediglich der Singfreudenachzugehen. Die gesungenen Verse haben vielmehr stets eine sehr gezielteFunktion; sie stehen an hervorragender Stelle, wie das auch bei den Sprüchenin den Kinder- und Hausmärchen zutrifft." 264 Zum Beweis der Richtigkeitdieser Feststellung führt Karlinger fünf Beispiele an.
Bei der Untersuchung der griechischen Märchen ist der Verfasser dieserZeilen zu ähnlichen Ergebnisses gekommen, und so seien in der Folge dieAnmerkungen von Karlinger zum Anlaß genommen, parallele Phänomeneim griechischen Märchenmaterial aufzuzeigen und zu kommentieren 265.Gleich zu Beginn sei festgehalten, daß die Lieder, die in den griechischenMärchen auftreten, ohne Melodie sind. Das bedeutet nicht unbedingt, daßdies immer so war, d.h. daß es sich um Verse ohne Musik handelt; diePhraseologie der Erzähler selbst, die die eingeschobenen Verspartien fürLieder halten, scheint dies umgekehrt auszuschließen 266. Außerdem werdenim Volk gewöhnlich keine Gedichte deklamiert, sondern Lieder gesungen.Der Grund, den Karlinger für die Seltenheit der Melodien in den aufgezeich-neten Märchen angibt, gilt in gleicher Weise für das völlige Fehlen derselbenin den griechischen Märchensammlungen:„ Wenn in den Märchensammlun-gen des vorigen Jahrhunderts Lieder mit ihren Melodien selten sind, dannmuß man hier nicht nur berücksichtigen, daß viele Märchensammler desvorigen Jahrhunderts nur die Texte, nicht dagegen die Melodien notierten,womit sie sicherlich auch den Verlegern einen großen Gefallen erwiesenhaben, weil ein Notendruck doch immer gewisse satztechnische Schwierig-
263 Felix Karlinger, Die Funktion des Liedes im Märchen der Romania. Salzburg/ München1968( Salzburger Universitätsreden 34).
264 Karlinger, op.cit., S. 6.
265 Zu den Versen im griechischen Märchen Nik. Politis, Laografia 1( 1909), S. 78- 80( bes.,S. 80), und jetzt M. I. Manusakas/ W. Puchner, Die vergessene Braut. Bruchstücke einerunbekannten kretischen Komödie des 17. Jahrhunderts in den griechischen Märchenva-rianten vom Typ AaTh 313c. Wien 1984( ÖAW, phil.- hist. Kl., Sitz. ber. 436, Mitt. d. Inst.f. Gegenwartsvolkskunde 14), S. 151ff.( mit der gesamten weiteren Literatur).266 Vgl. auch Megas, Bd. 1, S. 34:„ Dann beginnt der Gevatter der Katze zu singen und ersagt"; Lukatos, S. 191:„ Der Schneider, ohne irgendetwas zu bemerken, sang ihnen vor."
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