Kapitel 8MECHANIK IM MÄRCHEN
In einer kurze Studie über die Beziehung des Volksmenschen zur Maschi-ne³15 konnte festgehalten werden, daß die erste Reaktion auf sie Freude undBewunderung ist 316. Dieselbe Freude empfanden die Altgriechen, als sieunter anderem den Hephaistos darstellten, der von zwei mechanischengoldenen Frauen bedient wird, die er selbst hergestellt hatte, mit automat-ischer Bewegung und Gedankensteuerung³17. Zum maschinellen Interesseder Altgriechen ist interessant, was Orinsky anführt: daß die semanticheEntwicklung des Wortes„ unxavn" wie kein anderes einen Teil der Ge-schichte der antiken Technik widerspiegelt. Zur gleichen Zeit, wo sich inden griechischen Schriften das Wort als„ Mittel", auch als„ Betrug“ in derDichtung finden, stand es als technischer Terminus für„ Einrichtung“,„ Me-chanismus". Dies scheint doch ein bezeichnendes Licht auf die Mechanikbei den alten Griechen zu werfen. 318. Daraus geht letztlich auch hervor, daßdie Mechanik die Altgriechen nicht ernsthaft beschäftigt hat. Orinsky stelltebenso fest, daß die antiken Techniker noch nicht zwischen Mechanik alsWissenschaft und Mechanik als Spielerei unterschieden; namhafte Techni-ker wie Heron haben Kriegsgeschütze mit genau der gleichen Ernsthaftigkeithergestellt wie automatische Puppen.
Diese Spiellust der Griechen, und nicht nur der Alten, die die Maschine nichtnur als einen Gegenstand von praktischem Wert auffassen sondern auch alsgeliebtes Spielzeug, eine Auffassung, die in jedem Fall eine allgemeinere,, kindhafte" Weltanschauung und Lebenshaltung impliziert 319, ist auch in derkatexochen ,, kindhaften" Gattung der Volksliteratur, dem Märchen, nachzu-weisen. Der deutsche Volkskundler Hugo Hepding hat in der Festschrift fürStilpon Kyriakidis ein Märchen aus Syra veröffentlicht und kommentiert 320,das dem Typ AaTh 854 angehört. Grundthema ist das heimliche Eindringeneines Jünglings in das Zimmer der Königstochter. Dieses Kunststück gelingtihm durch ein Wunderwerk der Technik, dessen Vollkommenheit das Stau-nen und die Bewunderung der Heldin erregt und dem sie sich nicht entziehenkann, was übrigens auch für ihren Vater, den König, gilt. Natürlich ist diesesKunstwerk ein Trick: es ist innen hohl, worin sich der Jüngling verbirgt( denken wir nur an das Trojanische Pferd) und auf diese Art und Weise indas Innere des Palastes gelangt, um dann im geeigneten Augenblick heraus-
315 M. G. Meraklis, H μηzavý кαι o λaïкóç ávОpшñoç. Laografia 28( 1972), S. 116- 124.316 Vgl. Meraklis, op. cit., S. 116.
317 Meraklis, op.cit., S. 116.
318 Realenzyklopädie der Altertumswissenschaften, Bd. 15( 1931) Sp. 10- 14, bes. 10f.319„ O Solon, Solon, ewig werden die Griechen Kinder sein..."( Platon, Timotheos, 22b).320 Hugo Hepding, Ein Märchen aus Syra. Festschrift St. P. Kyriakidis. Thessaloniki 1953,S. 267-276.
115