Kapitel 4
ZUR ÄSTHETIK DES MÄRCHENS
In den Fachdiskussionen hat die Frage, ob das Märchen in seiner Essenz aufeine frühzeitige Epoche( in manchen Fällen bis zur Jungsteinzeit) zurück-geht oder, zumindest im europäischen Raum, von gelehrten Schriftstellernund Bearbeitern neu geschrieben worden sind, wie wir dies von den Novel-lendichtern der italienischen Renaissance her kennen, breiten Raum einge-nommen. Einer der rezenten Vertreter der künstlerischen Herkunftstheorieist Max Lüthi. Aber in seinen Ausführungen gibt es eine gewisse Inkonse-quenz, wenn er wiederholt die Kunstbearbeitungen von bekannten Schrift-stellern dem„, echten", wie er sich ausdrückt, Märchen aus der mündlichenVolksüberlieferung gegenüberstellt, um die Verschiedenheit beider Traditio-nen zu dokumentieren.
Als grundlegende Differenz arbeitet er einen stilistischen Unterschied her-aus: die volkstümlichen Texte zeichnen sich durchwegs durch ihre konziseKnappheit aus. Stilistische Knappheit bedeutet aber keineswegs thematischeKargheit. Im Gegenteil, die Märcheninhalte sind allumspannend:„ DasMärchen ist eine Dichtung, die alle Dinge zu umfassen strebt. Es muß seinenHelden über die irdische Welt hinausführen, sei es in ein Königreich amRand der Erde, sei es in eine Unterwelt oder Überwelt, sei es auch nur in dieBegegnung mit jenseitigen Figuren." 140 Als bezeichnendes Charakteristi-kum des Märchenstils führt Lüthi auch die Sublimierung an, eine Verflüch-tigung, die aber nicht mit Verarmung und Entleerung gleichzusetzen sei. ,, ImGegenteil. Im Märchen wird die unübersichtliche, schwere, vieldimensio-nale Wirklichkeit zu klarer, reiner Form erlöst. An die Stelle von Zeit undRaum tritt Wesentlichkeit. Und: Erst die Sublimierung ermöglicht es demMärchen, die Welt in sich aufzunehmen. Weil es sublimiert, ist es imstande,in schlanker Gestalt eine Fülle von Motiven zu vereinen, in denen sich wiein einem Glasperlenspiel das Dasein des Menschen spiegelt. Das Märchenist welthaltig. Der Kosmos ist da: Sonne, Mond, Sterne und Winde- dieTierwelt, gerne in ein und demselben Märchen Tiere des Wassers, der Luftund des Landes( Fisch, Rabe, Meerhäschen)- die Welt der Bäume, Blumenund Steine und die von Menschen geschaffenen Städte, Schlösser undDinge. Innerhalb des Menschlichen erzählt das Märchen von Feindschaftund Freundschaft, von Verbrechen und Hilfe, von Krieg und Frieden, vonGlück und Versagen, von Aufgaben, Prüfungen, Gefahren, von Kämpfen,Verrat und Treue ebenso wie von gutem Essen und Trinken und Schlafen.Natur und Familie sind da, Werbung und Ehe, der Bauer und der König, derSoldat und der Bürger, das Außerordentliche und der Alltag. Das Märchenenthält in sich, sublimiert, die Formen des Daseins." 141 Diese Sublimierung
140 M. Lüthi, So leben sie noch heute. Betrachtungen zum Volksmärchen. Göttingen 1969,S. 17.
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