Kapitel 5
MÄRCHENTHEMEN UND MÄRCHENMOTIVEDrei erläuternde Beispiele
Viel ist über den Inhalt und die Funktion des„, Motives" geschrieben worden,das der bekannte griechische Altphilologe Ioannis Kakridis in einer frühenStudie mit„ Thema" wiedergeben wollte 167. Die vielfachen Diskussionenzum Thema, die geführt worden sind und immer noch anhalten, haben aberdoch gezeigt, daß die beiden Begriffe von Erzähleinheiten bedeutungsmäßignicht genau übereinstimmen 168. Man kann vielleicht sagen, daß das Motivein Thema ist, das schon eine typische oder stereotype Form angenommenhat, die in den einzelnen Erzählgattungen( Märchen, Ballade usw.) oder denverschiedenen Typen der gleichen Gattung( z.B. des Märchens) ständigwiederholt wird.
In der Folge soll diese Beobachtung an drei Beispielen erläutert werden. Daserste bezieht sich auf ein Motiv, strictu sensu', die beiden anderen aufThemen: beim Motiv geht es um ein typisches Kleidungsstück, von denThemen behandelt das erste die erotische Beziehung des Menschen zuGegenständen, die er selbst geschaffen hat, das andere die erotische Bindungdes Menschen an Tiere. Wenn sich von diesen beiden allgemeinen Themen( man könnte sie auch Themenzyklen nennen) ein konkreter Fall herauslöstund typische Form erlangt, so kann man diesen vom Ganzen isolierten undformal typisierten Einzelteil ein Motiv nennen; z.B. ist der Herr„ Grieß-mann" ein Motiv des Themas„ Beziehung des Menschen zu von ihmgeschaffenen Gegenständen", sowie ein anderes Motiv desselben ThemasPygmalion ist, in seiner spezifischen Verbundenheit mit dem von ihmgeschaffenen Werk.
Die Untersuchung der Motive und der Erzählthemen weist großes Interesseauf, sowohl aus engerer philologischer Sicht als auch aus dem weiterenBlickwinkel der Kulturwissenschaften. Im ersten Fall eröffnet die intertextu-elle Beweglichkeit der Motive- sie dringen in ganz verschiedene Erzähl-gattungen ein 169, aber auch in verschiedene Kategorien und Ebenen desWortes: in Volksdichtung, Kunstdichtung usw.,- Gelegenheit zur Erfor-schung von Fragen der Vergleichenden Literaturwissenschaft, der Theorieder Literatur und der Poetik, aufgrund der Umwandlungen, die ein anfangs
167 I. Kakridis, Apaí. Mv0oλoyiкn μεhéτn. Athen 1929, S. 1.168 Die Differenzen sind früh schon herausgearbeitet worden, z.B. von Arthur Christensen,Motif et thème.( FFC 59). Helsinki 1925. Von den neueren Arbeiten sei hier Ina- MariaGreverus, Thema, Typus und Motiv. Zur Determination in der Erzählforschung. Laografia22( 1965), S. 130 139 erwähnt.
169 Dies wird z.B. im Untertitel des Grundlagenwerkes von Stith Thompson, Motif- Index ofFolk- Literature. Copenhagen 1955- 58 deutlich:„ A Classification of Narrative Elementsin Folktales, Ballads, Myths, Fables, Mediaeval Romances, Exempla, Fabliaux, Jest- Booksand Local Legends", aber auch im Untertitel von Christensen( op.cit.)" Plan d'un diction-naire des Motifs de contes populaires, de légendes et de fables".
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