Kapitel 10
ORALE BIOGRAPHIEN VON
DORFBEWOHNERN
Die Autobiographie ist eine ganz eigentümliche Erzählgattung, denn derErzähler hat persönlich an dem Erzählten teilgenommen oder ist zumindestAugenzeuge 461. In der Regel hinterlassen solche Texte mehr oder wenigerbekannte Persönlichkeiten der Politik und der Geschichte, der Kunst, desgesellschaftlichen Lebens, der„ vita activa" im allgemeinen.
In der letzten Zeit interessiert sich die Volkskunde allerdings für die Auto-biographien und Erinnerungen von einfachen und unbedeutenden Men-schen, untersucht diese Fabulate sogar als„ autonome Erzählkategorie❝462Ein charakteristisches Kennzeichen dieser Texte ist es, daß sie sich auf einigefundamentale Punkte und Interessens- oder Ereignisbereiche konzentrieren:die Kinder- und Jugendjahre, Reisen in eine fremde Umgebung, Episodenaus dem Liebesleben und die Heirat, seltsame oder tragische Vorkommnisseim Land, der Arbeitsbereich, Ereignisse der Vergangenheit, heitere Bege-benheiten, wunderliche Persönlichkeiten oder„ Typen" der kleinen Gesell-schaft usw. 43. Häufig bildete und bildet immer noch der Wehrdienst einErlebnis von gravierender Bedeutung. Denn, wie Röhrich zu recht betont,die Armee war bei den älteren Volksmenschen in der Dorfgesellschaft häufigdie einzige Möglichkeit, von der Alltagswirklichkeit loszukommen, dieeinzige Möglichkeit, irgendwelche„ Abenteuer" im weitesten Sinne zuerleben oder von Erlebnissen und Erfahrungen anderer zu hören 404.
Im Gegensatz zu den traditionellen Erzählkategorien, also z.B. dem Mär-chen, tritt die autobiographische Erzählung, gestützt auf die Erinnerung anpersönliche Erfahrungen, als individuelles Werk in Erscheinung, als„ aus-schließlicher Eigenbesitz des Erzählers" 465. Sie kann also gar nicht, nachälterer Theorie, zur„ Kollektivschöpfung" werden, und nur ausnahmsweiseläßt sie sich in der Dimension überindividueller„ Zirkulation" im Prozeß derständigen Variantenbildung feststellen; es handelt sich also nicht etwa umeine der im Grund typologisch ähnlichen Varianten der„, Ballade von derArta- Brücke". Freilich hat auch diese Anmerkung, gestützt auf die Tatsa-che der Einmaligkeit und Unwiederholbarkeit des persönlichen Lebens jedesEinzelnen, nur relative Gültigkeit, denn Einzelschicksal und Subjektivität461 Siehe Lutz Röhrich, Autobiographie. Enzyklopädie des Märchens Bd. 1, Berlin/ New York1976, Sp. 1080.
462 Röhrich, op.cit., Sp. 1080- 81.
463 Siehe auch O. Sirovatka, Die Alltagserzählung als Gattung der heutigen Überlieferung.Miscellanea. Festschrift K. C. Peeters. Antwerpen 1975, S. 664- 667.
464 Röhrich, op.cit., Sp. 1081.
465 Op.cit.
466 G. A. Megas, Die Ballade von der Arta- Brücke. Thessalonike 1976( Institute for Balkan
Studies 150).
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