Kapitel 3
RATIONALITÄT IM GRIECHISCHENMÄRCHEN
Kurt Ranke hat sich in einer seiner Arbeiten mit jenen Fällen beschäftigt, wodie Verwandlung von Erzählungen mit anfänglich ernsthaftem Inhalt inSchwänke zu beobachten ist 125. Dieses Phänomen hält Ranke zu recht fürein gemeinsames in den Erzähltraditionen aller Völker. Die Intensität undVerbreitung dieses Phänomens allerdings variiert von Volk zu Volk; sie hängtvon der geistigen Befindlichkeit jeder Volksgruppe ab: je rationaler dieGedankenwelt eines Volkes ist, desto häufiger ist diese Umwandlung zubeobachten.
Die Rationalität ist von alters her in der griechischen Gedankenwelt zubeobachten. Dies ist mehrfach in der„ Geschichte der griechischen Religion"des schwedischen Religionsforschers Martin Nilsson bezeugt:„ Eine syste-matische Analyse", schreibt er bei der Besprechung der Märchenmotive dergriechischen Mythen ,,, wird... zeigen, wie die besondere Veranlagung derGriechen, der Rationalismus, zu einer Auswahl, einer Ausscheidung undUmbildung der allzu phantastischen Märchenmotive geführt hat; man kanngewissermaßen behaupten, daß der Mythos zum Teil aus dem Märchen, undzwar durch dessen Vermenschlichung, entstanden ist" 126. Und bei der Fest-stellung, daß die Prinzipien der wissenschaftlichen Welterfassung und Welt-interpretation eng mit der Mythologie verbunden sind, merkt Nilsson an:,, Die Griechen trennten sie mit dem Seziermesser des Gedankens; weil ihrewunderbare Veranlagung, der Rationalismus und die Klarheit ihres Intellektskeine Zweideutigkeiten und keine Vermischungen duldeten, wurde dasvoraussetzungslose Suchen nach der Wahrheit, die Wissenschaft, bei ihnengeboren, der größte Sohn des griechischen Geistes." 127 Den Verzicht aufviele Arten von Aberglauben, den Anthropomorphismus der griechischenReligion, der schon bei Homer auftaucht, sowie die Vermenschlichung derMärchen sind nach Nilsson der Rationalität der Griechen zuzuschreiben 128.Dieses Kennzeichen hat nicht aufgehört, das griechische Denken zu charak-terisieren. Dies läßt sich auch bei den neugriechischen Volksliedern nach-weisen: im Gegensatz zu den Liedern anderer Völker enthalten sich kaumein übernatürliches Element. Und mit dieser Studie 129 sei hervorgehoben,
125 Kurt Ranke, Schwank und Witz als Schwundstufe. FS W.-E. Peuckert, 1955, S. 41- 59.126 Martin P. Nilsson, Geschichte der griechischen Religion. Bd. 1, 1955, S. 18.127 Op. cit., S. 35.
128 Op. cit., S. 35ff. Vgl auch, S. 81:„ Die Griechen waren Rationalisten. Es ist in der Taterstaunlich, wie wenig sie im Gegensatz zu anderen Völkern an die wirksame Kraft desBildes und auch des Namens geglaubt haben"( vgl. auch S. 368ff.).
129 Es handelt sich um ein Referat beim VI Congress of the International Society of Folk- Nar-rative Research, 16.- 21 Juni 1974 in Helsinki.
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