Kapitel 1
DAS GRIECHISCHE MÄRCHEN
Die internationale Märchenforschung kennt heute über 2.000 verschiedeneMärchentypen, 300 davon sind Tierfabeln, etwa 900 die eigentlichen Mär-chen und der Rest Schwänke. Jeder Märchentyp hat seine eigene Nummerim internationalen Märchenkatalog von Aarne- Thompson. Und jeder einzel-ne Märchentyp ist Gegenstand spezieller, vergleichend volkskundlicher undphilologischer Forschung, basierend auf den Varianten und Versionen, diees in aller Welt gibt. Darüberhinaus besteht eine Reihe von theoretischenFragen und Problemen, die es zu untersuchen gilt, wie die Unterscheidungdes Märchens von anderen Gattungen der Volksliteratur, die thematischeGliederung der aufgenommenen Varianten, die Erforschung der ethnologi-schen und anthropologischen Reste aus historischen Tiefenschichten indiesem Erzählmaterial, die„ Biologie" des Märchens, d.h. die Art und Weisewie es in den verschiedenen Kulturepochen am Leben geblieben ist, diePsychologie seiner Helden, seine Symbole usw.
Das Märchen ist nicht jene Gattung der Volksliteratur, die sich für dieUnterscheidung der Völker voneinander anbietet. Die bisherige Forschunghat gezeigt, daß es soviele Ähnlichkeiten zwischen ihnen gibt, daß sich dieEinzelvarianten gleich bündelweise der Identität nähern. Aus genau diesemGrund war auch die Erstellung eines internationalen Märchenkatalogs über-haupt erst möglich. Die Ähnlichkeit der Märchen untereinander ist zumGroßteil auf die Völkerbewegungen und Kulturkontakte in den verschiede-nen historischen Epochen zurückzuführen. Z.B. ist im 10. Jahrhundert eineweitreichende Diffusion der reichhaltigen Volksliteratur der Inder bei vielenandern Völkern zu beobachten, aufgrund der fortwährenden Invasionen islami-scher Völker in Indien. Diese Völker, begabt mit einem natürlichen Hang zumMärchenerzählen, haben dieses Märchengut ins Innere von Asien weitergetra-gen, nach Afrika und Europa, wo es durch die vielfältigen Kontakte mit derChristenheit Kulturgut von Gesamteuropa geworden ist. Die vorwiegendenRezeptionsräume dieses geistigen Guts waren Spanien, Italien und Byzanz.Sehr früh schon, im 1. Jahrhundert n.Chr., ist China in geistige und religiöseBeziehungen mit dem buddhistischen Indien getreten, mit dem später auchdie Mongolen in Kulturkontakt kamen. Und die Mongolen waren nahezu200 Jahr lang in Europa anwesend; sie waren unter anderem auch Trägerindischen Märchenguts. Theodor Benfey, der deutschen Sanskrit- Forscherund Gründer der sogenannten Indischen Schule der Märchenforschung, derdie Herkunft der europäischen Märchen aus Indien proklamierte, hält epi-grammatisch fest, daß es einerseits die mohammedanischen Glossar ::: zum Glossareintrag mohammedanischen, andererseits diebuddhistischen Völker waren, die die indischen Märchen in nahezu dergesamten Welt verbreitet haben'. Nun kann die Theorie der Kulturdiffusion
1 Theodor Benfey, Pantschatantra. Fünf Bücher indischer Fabeln, Märchen und Erzählun-
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