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Studien zum griechischen Märchen
Entstehung
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Kapitel 2

BYZANTINISCHES ERZÄHLGUT

Das byzantinische Reich, der östliche Teil des nach 395 n.Chr. zweigeteiltenrömischen Reiches machte in den folgenden Jahrhunderten eine intensiveHellenisierung durch, bis es, nach mehr als tausendjährigem Bestehen, 1453von den Türken erobert wurde. Bezüglich des Einsetzens seiner eigentlichenExistenz gibt es keine Übereinstimmung, da der Übergang zur spätantikenWelt vielfach ein bruchloser gewesen ist. Die Grenzdaten erstrecken sichvon 284( Diokletian) bis 717 n.Chr.( Leo Isaurus III.) 25. Aufgrund desahistorischen Charakters der Märchen bildet das byzantinische Jahrtausendeine Art chronologischer Einheit, wenn auch bei den einzelnen Erzählgat-tungen nähere zeitliche Bestimmungen im Einzelfall möglich sind.Vollständige Märchen sind eigenartiger Weise aus Byzanz nicht überliefert,trotz der bekannten Schreib- und Kopierwut der Byzantiner, obwohl derFortbestand der mündlichen Überlieferungsweise angenommen werdenmuẞ. Es sind Rätsel-, Sprichwort-, Legenden- und Fabelsammlungen erhal-ten, aber keine Märchensammlungen. Dies hat seine Gründe in der gelehrtenTradition des Attizismus, der für die byzantinische Schriftstellerei undSammeltätigkeit normativen Charakter hatte, sosehr, daß auch volkstümli-che Autoren den Gelehrtenstil in der Literatur nachahmten. So wurde die im" goldenen Zeitalter" der Antike( dem klassischen 5. Jahrhundert) entwickel-te Ansicht, Märchen seien ausschließlich Erzählungen von alten Frauen undAmmen für Kinder ungefragt übernommen. Phaidon Kukules hat reichesMaterial aus den Schriften der griechischen Kirchenväter und anderer Ge-lehrter zusammengetragen, wo dieses Argument stetig wiederholt wird:Märchen sind dazu da, müde und weinende Kinder zum Schlafen zu brin-gen26.

Die byzantinische Kultur bildet eine Synthese verschiedener Elemente:neben den Hauptpfeilern Kirche und antikes Erbe( vor allem für die Ober-schichten) sind Einflüsse aus dem Osten und dem Westen zu verzeichnen.So steht der romantische Geist der westlichen Ritterromane neben demlehrhaft Didaktischen als Einfluß des Kirchenschrifttums. Beizeichnend indiesem Rahmen einer, ecclesia militans' ist die permanente Ermahnung derKirchenväter an die Eltern, sie sollten auf die bekannten Märchen verzichtenund stattdessen den Kindern anmutige Geschichte über Wiesen und herrli-che Bauten erzählen oder solche aus dem Alten Testament, und zwar zuerstvon Kain und Abel und von Esau und Jakob, dann von der Gehenna, von25 Vgl. E. Stein, Geschichte des spätrömischen Reiches. 1. Wien 1928( ders., Histoire duBas- Empire. 1. Bruxelles 1959), S. 1- 3. G. Finlay, A History of Greece from its Conquestby the Romans to the Present Time. Bd. 2 Oxford 1877, S. 2ff.

26 Ph. Kukules, Παραμύθια, μύθοι και ευτράπελοι διηγήσεις παρά Βυζαντίνοις. Lao-grafia 15( 1953/54), S. 219- 229, bes., S. 220. J. Bolte, Zeugnisse zur Geschichte derMärchen. Helsinki 1921( FFC 39), S. 6 und 9.

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