fiel in das Haus eines Königs, und so nahm er die Königstochter zur Frau.Der des anderen fiel in das Haus des Wesirs, und so heiratete er die Tochterdes Wesirs. Der dritte aber zog seinen Pfeil und verschoß ihn, und er fiel aneinen Ort, wo eine Katze war und miaute. So fiel ihm diese zu als Frau. Alsonahm er sie und brachte sie nach Haus...
" 252
Und wenn es nicht das Glück ist, so ist es der Wunsch nach Kindern, der zurHochzeit führt. Die Erringung einer Frau stellt das zentrale Thema desgrößten Teiles der Märchen dar. Und doch ist die Motivation niemals einerein emotionelle. Die Hochzeit ist Ergebnis des Funktionierens eines natür-lichen Gesetzes; und zwar muß sie auch richtig funktionieren, das heißt zumErwerb von Nachkommenschaft führen. So ist der Haß des Mannes auf seineunfruchtbare Frau zu erklären, oder sogar die Adoption von Tieren oder auchleblosen Gegenständen im Falle der Kinderlosigkeit 253. Im Märchen spiegeltsich also nicht die heutige psychische Welt des Volkes, sondern die Welt derPrimitiven Glossar ::: zum Glossareintrag Primitiven. Tatsächlich ist das Märchen praemoralisch und vorästhetisch,emotionell und ästhetisch indifferent 254. Mit ihm werden wir automatisch ineine primitive Glossar ::: zum Glossareintrag primitive Epoche geführt. Denn in einer solchen ist die Gewohneit derZufallsauswahl der Gattin, ohne gefühlsmäßiges Interesse, anzusiedeln 255.In der Sage endlich ist noch die Tendenz zu beobachten, daß das erotischeGefühl von seiner archaischen Wildheit gereinigt wird: Die Neraidensind sehr schöne Frauen, mit langen blonden Haaren, sie lieben die Freudenund Feste. Oft entführen sie Sänger und Musikanten, damit sie sie unterhal-ten mit ihren Liedern und Instrumenten. Sie entführen auch schöne Jünglin-ge, um mit ihnen zu schlafen, und wer mit einer Neraide geschlafen hat, kannsich keiner anderen Frau mehr nähern Trotzdem ist das Gefühl derLiebe in den griechischen Sagen und Überlieferungen genugsam verbreitetund veredelt diese wilde Welt der weiblichen Geister.
...
" 256
99
Wenn wir also die beiden diametral entgegengesetzten Gattungen der Volks-literatur untersuchen, das Märchen und das Volkslied, so lassen sich folgendewesentliche Unterschiede festhalten: das Lied verfügt nicht über den Reich-tum an mythischen und magischen Elementen, welche das Märchen aus-zeichnet. Sitten und Gebräuche sind in beiden Gattungen vollkommenverschieden dargestellt. Was diese Unterschiede ausmacht, das ist der Ra-tionalismus und die Emotion, beides Elemente, über die das Volksliedverfügt, die aber im Märchen fehlen. Beide Gattungen, wie auch die Sagenund Überlieferungen, sind Ausdruck der gleichen Volksseele. Mit ihrerDifferenzierung offenbaren sie jedoch die komplexe Struktur des psychi-schen Kosmos des Volkes, dem die Vielseitigkeit keineswegs abgeht.
252 Laografia 17( 1957/58), S. 163. Vgl. auch S. 153 Anm. 1 von Megas zu diesem Motiv.253 Vgl. Handwörterbuch des deutschen Märchens I, S. 452f.
254 Vgl. Lüthi, S. 55.
255 Eine solche Nachricht hat sich auch bei Athenaios( 13, 7, S. 555) aus dem Leben im altenSparta erhalten:„ In Lakedaimonien wurden die Töchter in ein finsteres Haus gesperrt, undzu ihnen auch die unverheirateten Jünglinge; und jeder nahm sich eine und machte sieohne Mitgift zur seinen." Vgl. auch Plutarch, Aukoúpyov кai Novдá σúукpio, 4.256 Politis, Tapadóaɛis, Nr. 653.
95
95