Dieses ganze Themengeflecht führt immer wieder auf Pygmalion zurück,allerdings nicht in der gleichen Art und Weise. Nach Maßgabe der Umstände,denen die Ausgestaltung des Mythos jeweils unterworfen ist, nach Maßgabeder jeweils subjektiven Einstellung und der vorherrschenden Ideen, erfülltsich das Wunder der Belebung oder es verkommt zur Farce und zur Perver-sion, oder es wird auch der Leidenschaft entkleidet, die diesem Kunstwerkzugrundeliegt 206, um als ein kaum handlungsstimulierendes Erzählmotiv imMärchen zu fungieren.
3. Die erotische Beziehung zwischen Mensch und Tier
Im Roman des kretischen Schriftstellers Jannis Sfakianakis, der der soge-nannten„ Generation der 30er Jahre“ angehört,„ Der Herr von Batherna"( 1955), verfolgt der Leser eine Szene einer Begegnung eines Pferdes miteiner Frau, eine Begegnung, die deutlich erotischen Charakter aufweist. DieSzene hatte damals beim Leserpublikum einen Schock ausgelöst, wie beiden Romanhelden selber, die Augenzeugen des Vorgangs werden:„ ,, Unver-ständlich', murmelte Angelis ,, was sucht sie denn im Stall? Was zum Teufellegt sie sich wie eine Stute neben den Hengst und fährt auf und nieder? Willsie das Pferd verhexen?' Und der Onkel Stefanis, von den witzigen Wortendes Angelis angesteckt, verliert auch seine Ernsthaftigkeit und mußte lachen., Beim Allerhöchsten, wenn die so weitermacht, wird sie besprungen', sagteder Dörfler wieder und kratze sich den Bauch., Zum erstenmal seh ich soetwas.', Du hast recht', sagte der Onkel Stefanis ,, ich seh auch so etwas zumerstenmal... Vielleicht ist es aber schon einmal vorgekommen. Ein Geheim-nis ist sie, die Frau*."
Die Aporie, ob der Akt nun vollzogen ist oder nicht, bleibt in den„ Metamor-phosen des Apuleius nicht unbeantwortet, die wir schon bei dem erstenMotiv herangezogen haben. Im zehnten Buch, wo die Erzählung der Aben-teuer des in einen Esel verwandelten Helden Lucius ihre Fortsetzung erfährt,kommt dieser nach Korinth in das Haus eines reichen Mannes, der ihn wieetwas Bestaunenswürdiges an seinen Tisch setzt und ihm zusieht, wie er, einEsel, wie ein Mensch iẞt. Dann läßt er ihn noch anderen menschlicheHandlungen verrichten, was so sehr die Neugierde und die Bewunderungder Stadtbevölkerung erregt, daß sich sogar eine Frau in ihn verliebt, mit derer schließlich zusammentreffen soll. Der Hausherr des Lucius sorgt dafür,das die neuerlichen Geschicklichkeitsbeweise des Esels in menschlichenHandlungen zum öffentlichen Schauspiel werden. Doch es gelingt demHelden zu entfliehen und dieser öffentlichen Schande zu entgehen. ZurInterpretation der möglichen Absichten des Apuleius an dieser Stelle ist vielTinte geflossen. Nach meinem Dafürhalten geht es um eine analoge Absicht205 Op. cit., S. 135f.
206 Op. cit., Anm. 30.
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