Diese Allgegenwart und Universalität führt auch dazu, daß der Tod in vielenVarianten nicht so deutlich genannt wird. Hier tritt das Element der künstle-rischen Indirektheit in Erscheinung. Einen solchen Fall bietet uns dasMärchen, wo der Drake drei arme Schwestern, eine nach der anderen, beisich zu Hause bewirtet und sie nötigt, Menschenfleisch zu essen. Die beidenersten weigern sich, können ihm aber nicht entkommen; so werden sieversteinert. Nur der dritten gelingt es durch einen cleveren Trick, den Drakenglauben zu machen, sie sei seinem Wunsche willfahren, und sichert sich soFreiheit und Leben im Hause des Draken, wodurch sie wiederum für dieErrettung ihrer Schwestern wirken kann, die sie letztlich vom Zauberbannbefreit; die Räume, in denen die verzauberten Schwestern„ schlafen", invielen Varianten zusammen mit vielen anderen versteinerten Menschen, sindvoll von Reichtümern, die die Mädchen am Ende mit sich nehmen 162. DieseRäume symbolisieren indirekt die Unterwelt, oder spezifischer die Toten-gräber; mit ihren Schätzen erinnern sie an die ägyptischen und mykenischenGräber mit ihren Totenkrügen und anderen Vorräten; Will- Erich Peuckerthatte ja angenommen, das das östliche Mittelmeer der kretisch- mykenischenEpoche der führende Kulturraum bei der Entstehung der Zaubermärchengewesen sei.
Das Haus eines Draken oder der Palast eines Königs kann für den Friedhofstehen, oder spezifischer für das Coemeterium mit den Grabkammern, diemeist sehr zahlreich sind in diesen Gebäuden, wo sich die exzeptionellen,spannenden und dramatischen Ereignisse um Tod und Wiederauferstehungder Märchenhelden abspielen. Diese Kammern sind in der Regel 40, und dieEreignisse finden in der letzten, der am meisten verbotenen, statt. Die Zahl40 erinnert aber auch an den Zeitraum des Zauberschlafs und hat in jedemFall kultisch- magische Bedeutung 163. Im Märchen vom verstorbenen Kö-nigssohn mußte das Mädchen drei Wochen, drei Tage und drei Stundenneben ihm wachen. In der Regel wird in den meisten Varianten jedoch dieZahl 40 genannt. Nun spielt die Zahl 40 im griechischen Volksglauben undder Volksreligion eine außergewöhnliche Rolle 164. In den Märchen hat der40. Tag, umgewandelt in das 40. Zimmer des geheimnisvollen Hauses oderPalastes, eins der schönsten Beispiele der Umwandlung von Abstraktemin Konkretes-, nichts von seiner magisch- kultischen Bedeutung beibehal-ten. Aber die Zeiteinheit 40 wird wegen ihrer Bedeutung als wesentlicheZeitgrenze, als Zäsur für die gereifte Zeit gebraucht, da es Zeit ist, voneinem Zustand in den anderen überzugehen. Insofern hat das 40. Zimmerauch eine initiierende Funktion, ohne deshalb die Bedeutung des Todes zuverlieren: Initiationriten und-vorstellungen verbinden sich fast immer mitihm. So läßt sich auch erklären, warum solche verbotene Zimmer in Palästenvon Freunden und Wohltätern zu finden sind: sie sind Räume der Einwei-
162 Vgl. die Kommentare zu Märchen Nr. 4 in Kap. 9.
163 Vgl. Georgios K. Spyridakis, Ο αριθμός τεσσαράκοντα παρά τοις Βυζαντινοίς καινεωτέροις Έλλησι. Athen 1939.
164 Megas, op.cit., S. 166.
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