Druckschrift 
Studien zum griechischen Märchen
Entstehung
Einzelbild herunterladen
 

Da springt er auf, umarmt sie und sagt zu ihr: Also kannst du dochsprechen, Frau! Du hast eine schöne Stimme. Von jetzt an wirst du sprechen,sonst bringe ich mich wirklich um, damit ich nicht dich umbringe, die dumich quälst ohne Grund." Von da an, da der Mann nun einmal ihre Redegehört hatte( und ihr sogar gesagt hatte, sie hätte eine schöne Stimme), faßtesie Mut und sprach zu allen. Und sie lebten in Liebe, machten viele Kinderund ihre Freude war groß, als keines der Kinder den Sprachfehler ihrerMutter hatte.

Die zweite Erzählung hat im Märchenkatalog von Megas die vorläufigeNummer* 2031137. Es gibt davon eine große Anzahl von Varianten( 54). Wasden Inhalt anbelangt, so könnte man die Geschichte als eine bittere rationa-lisierende Umformung eines der bekanntesten Eingangsmotive z.B. desMärchentyps AaTh 425 Asehen( das antike Märchen von Amor und Psyche),in dem, unabhängig von eventuellen Beziehungen zu totemistischen Glau-bensvorstellungen, in jedem Fall das psychologische Element der Kinderlo-sigkeit eine Rolle spielt. Wie bekannt besteht das Motiv darin, daß einekinderlose Frau sich ein Kind wünscht, und sei es auch ein Tier. Ihr Wunsch,der in einem Gebet zu Gott seinen Ausdruck findet, wird erfüllt, und Gottschenkt ihr ein Tier als Kind. Im Fortgang der Erzählung von AaTh 425 Awird sich freilich herausstellen, daß dieses Tier ein verwandelter Jünglingist, dem sogar eine hervorragende Laufbahn beschieden ist( Heirat mit derKönigstochter). Dieser Erzählkern ist im Typ AaTh* 2031 derart umgestal-tet: Ein kinderloses Greisenpaar bat einmal Gott, ihnen ein Kind zu schenkenund sei es auch ein Frosch. Da gebar die Alte einen Frosch. Als er größerwurde, begann er zur Schule zu gehen. Eines Tages kehrte er von der Schulezurück und fand die Alte nicht zu Hause vor. Er wollte sehen, was sie gekochthabe, aber klein wie er war, fiel er in den Kochtopf. Da kamen seine Elternnach Haus und warteten auf ihren Sohn. Da er ausblieb, setzten sie sich hin,um allein zu essen. Und beim Essen kamen sie darauf, daß mit der Speiseauch den Frosch gekocht war. Da begann die Alte zu weinen, die Fliegenkamen und sezten sich auf sie. Der Alte wollte sie verjagen, nahm seinenStock und schlug aus Versehen seine Alte tot. Der Schemel, auf dem die Altesaẞ, hatte die Tat mitangesehen, er erhob sich wütend und schlug den Altentot 138. Megas hatte das Märchen unter die, Kettenmärchen" gereiht, denn invielen Varianten endet es mit einer kettenartigen spielhaften Steigerung, wiez.B. in der Version aus Thrakien 139, wo nach der Feststellung der Todesursa-che des Sohnes" sich die Frau die Haare ausreißt, der Mann seinen Bart;dies sieht das Dach und wirft seine Dachziegel ab; der Rabe, der von demGrund des Verhaltens des Daches erfährt, wirft seine Federn ab; der Apfel-baum, auf dem der Rabe sitzt, wirft seine Äpfel ab, die Rinder, nachdem derBauer von dem Vorfall gehört hat, ihre Hörner; die Quelle, zu der der Bauer137 Siehe auch AaTh 2022( und Bolte/ Polívka, Bd. 1, 1913, S. 293- 295).

138 Laografia 11( 1934), S. 16, Nr. 46.

139 Thrakika 17( 1942), S. 126ff., Nr. 52.

49