Druckschrift 
Studien zum griechischen Märchen
Entstehung
Einzelbild herunterladen
 

falls ein wesentlicher Bestandteil der Kulturkoine des Gesamtmittelalters." 35F. Dölger hat diesen westlichen Einfluß in der Palaiologenzeit allerdingseingeschränkter gesehen, führt auf diesen sogar das Anwachsen der griechi-schen Aversionen gegen die nach ihrer Meinung irrgläubigen Lateiner"zurück 36. Auf literarischem Gebiet jedoch kommt es zu einem Ausgleich ,, derritterlichen Welt des Abendlandes Glossar ::: zum Glossareintrag  Abendlandes mit der phantasieerfüllten dichterischenBegabung des griechischen Ostens❝37

Die byzantinischen Erzählstoffe lassen sich in Fabeln, Märchen, Lieder,Romane, Legenden und Schwänke gliedern. Die antike Tierfabeltraditionvon Äsop und anderen gehört zum klassischen Erbe von Byzanz. Selbst derVertreter der sogenannten Indischen Theorie" der Märchenherkunft inEuropa, T. Benfey, mußte für die Fabelstoffe eine Ausnahme machen undgab Griechenland den Vortritt. Zwar waren im Mittelalter die Kulturgrenzenoft nicht zu bestimmen, so daß ,, weder nach hüben noch nach drübenAbhängigkeiten nachgewiesen werden können" 38, doch ist die Kontinuitätder Tierfabeltradition von alter Zeit bis ins neue Griechenland hin gesichert,und zwar sowohl in der lebendigen mündlichen Überlieferung als auch alsPflichtlektüre und schriftliche Übung in den Schulen. Im übrigen trägt derVergleich mit der neugriechischen Tradition dazu bei, die eigenartige Funk-tion und Entwicklung der in Byzanz schriftlich kultivierten Fabeln zuverstehen, die durch den jahrhundertelangen Gebrauch in den rhetorischenSchulen zu Sprachübungen und Essays umgestaltet wurden, deren Haupt-grund der kurzgefaßte Ausdruck war❝39. Zudem nahmen sie einen didakti-schen Charakter an, der der eigentlichen Volksüberlieferung fremd ist. Dieskann am Beispiel der Fabel von der Schlange und vom Krebs( Motiv J1053) 40 evident gemacht werden. Nach den bisher vorliegenden byzantini-schen Texten rät der Krebs der Schlange, sie solle ihr Verhalten bessern. Dasie nicht dazu bereit ist, wartet der Krebs, bis sie schläft, und tötet sie dannmit seinen Scheren. Er hält sogar so etwas wie eine Predigt: Als er sieht, wiesie sich tot ausstreckt, sagt er: So gerade mußtest du auch vorher sein, umnicht diese Strafe zu erleiden." 41 Doch ist die Verschlagenheit der Schlangein keinem der erhaltenen Manuskripte erwähnt, in denen die Todesstrafe nurdeswegen an der Schlange vollzogen wird, weil sie sich seinen moralischenRatschlägen nicht fügt. Erst die neugriechischen Parallelen sprechen davon:Nach der Bewirtung, die der Krebs der Schlange anbietet, wollen beide

35 Beck, op.cit., S. 11.

36 F. Dölger, Die Kreuzfahrerstaaten auf dem Balkan und Byzanz. FS des SüdostinstitutsMünchen. München 1956, S. 141- 159, bes., S. 154.

37 Dölger, op.cit., S. 156.

38 Beck, op.cit., S. 11.

39 G. A. Megas, Some Oral Greek Parallels to Aesop's Fables. Humaniora. FS A. Taylor. NewYork 1960, S. 195207, und in erweiterter Form ders., Oi αiσóлε púði кαinлрочоρiкý лαрádooiç. Laografia 18( 1959), S. 469- 489( hier auch die Nachweise).40 Aesopica by Ben. Edwin Perry, Vol. 1. Greek and Latin texts. Urbana 1952, Nr. 196.41 Vgl. Walter Wienert, Die Typen der griechisch- römischen Fabel( FFC 56). Helsinki 1925,S. 89( Sinntyp 13).

30