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Studien zum griechischen Märchen
Entstehung
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zwischen den Völkern allein nicht die Ähnlichkeiten der Märchen beiKulturvölkern im allgemeinen erklären, weil es auch Fälle gibt, wo ähnlicheErzählungen bei Völkern anzutreffen sind, die nachweislich nicht unterein-ander in Kontakt getreten sind bzw. überhaupt keine Kontakte zu Kulturvöl-kern gehabt haben. So gibt es z.B. Aborigines in Afrika, die in ihrervorgeschichtlichen Einsamkeit von keinem Kulturkontakt gestört wordensind, und die die gleichen Märchen wie die Kulturvölker erzählen. Deshalbhaben auch die englischen Ethnologen die Theorie der Polygenese" aufge-stellt, nach der ähnliche Erzählungen an verschiedenen Punkten des Planetenunabhängig voneinander bei verschiedenen Völkern auftreten können, ohnedaẞ Kulturkontakt oder Diffusion der Themen vorliegt; die Affinität derErzählungen rührt nach dieser Theorie aus grundlegenden Ähnlichkeiten dermenschlichen Seele, die unabhängig von der Volkszugehörigkeit in etwa diegleiche ist in allen Breiten der Erdkugel.

Die Theorien mögen variieren², die Feststellung bleibt in allen Fällen diegleiche: die Märchen der Völker gleichen einander. Sowohl in den Einzel-elementen und ihren Episoden, also den Motiven", sowie auch in denErzähleinheiten. Der Animismus z.B., eines der Hauptcharakteristika derMärchen im allgemeinen, ist in den griechischen Märchen sehr ausgeprägt.Sehr häufig sind Dinge und Gegenstände beseelt, sprechen und denken.Wenn die Draken- Frau( drakaina) ³ in ihr Haus zurückkehrt, wo sie die,, Chrysomallusa"( die Goldhaarige), ihre Tochter, gefangenhält, sie nichtvorfindet und nicht weiß, was sie davon halten soll, da informiert sie derMörser, daß heimlich ein Königssohn gekommen sei und sie entführt habe.Denn, so berichtet der Märchenerzähler, in diesem Hause konnten alleDinge sprechen. Und damit sie nicht sprächen, haben sie allen Dingen denMund geknebelt, und erst dann haben sie das Weite gesucht Nur denMörser gelang es ihnen nicht zu knebeln, und dieser, aus dem Winkel, in demer stand, hat geantwortet..." 4. Aber diese Rede der Gegenstände ist bei allenVölkern verbreitet. Bei allen Völkern der Welt, so bemerkt L. von derLeyens, beginnen Bäume und Sträucher zu sprechen und beraten die Mär-chenhelden, das Hausgeschirr verrichtet die Arbeit von alleine, der Wurf-speer zeigt dem Krieger den Weg, der Pfeil dem Bogenschützen.Aber diese Ähnlichkeit beschränkt sich nicht nur auf Einzelelemente; siebezieht sich auf ganze Erzähleinheiten oder ganze Erzählungen. Ich be-schränke mich hier auf ein Beispiel. Es gibt im Griechischen eine interes-sante Erzählung, die der Kategorie der Märchennovellen angehört, d.h. jenenMärchen, die ohne übernatürliche Elemente auskommen und realistischen

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gen aus dem Sanskrit... Bd. 1- 2. Leipzig 1859( Nachdruck Hildesheim 1966), vor allemBd. I, S. XXII- XXIV.

2 Vgl. M. Lüthi, Märchen. Stuttgart 1971( 4. Aufl.), S. 60- 79.

3 Der drakos" und die drakaina" sind in den griechischen Märchen anthropomorpheWesen, die nicht mit dem Drachen( drakontas) zu verwechseln sind.

4 Megas. 1, S. 140.

5 Friedrich von der Leyen, Die Welt der Märchen. Bd. 1- 2. Düsseldorf 1953- 54, Bd. 1, S. 93.