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Prähistorisches in der Volkskunst Osteuropas.
Von Dr. ARTHUR HABERLANDT, Wien.
( Mit Tafel XII und 7 Textabbildungen.)
Die Vertreter der Völkerkunde und Prähistorie sind längst darin überein-gekommen, einer ganzen Reihe von Erzeugnissen der menschlichen Hand eineaußerordentlich große Persistenz in Bezug auf Material und formale Gestaltungzuzubilligen aus dem naheliegenden Grunde, weil diese Dinge mit denkbareinfachsten Mitteln herstellbar sind und darum immer wieder in der gleichenmöglichst kräftesparenden Art ersetzt werden konnten. Unter den Geräten,welche primitiven Glossar ::: zum Glossareintrag primitiven Handfertigkeiten dienen, finden wir solchermaßen eine nichtgeringe Anzahl, die so und nicht anders schon seit Jahrtausenden in Gebrauchstehen und welche erst die moderne auf ganz anderen Voraussetzungen basierende
Industrie als unbrauchbarbeiseiteschieben heißt.
Anders steht es meistmit jenen Objekten, andie von vornherein eingewisser Ehrgeiz des Be-sitzers, wie etwa beimSchmucke, geknüpft er-scheint oder welche über-haupt irgend einen Keimder Vervollkommnung insich tragen, wie zahl-reiche Handwerksgeräteu. dgl.; da ist im Gange der Kultur rastlos neuer Stoff in die alten Formengegossen worden, es sind Umwandlungen aller Art erfolgt, Altes wurde durchgänzlich Neues ersetzt und nichts hat beim Studium der Volkskunde und Volks-kunst unreifere Früchte gezeitigt als das Bestreben, entgegen dieser Erkenntnisfür möglichst viele Gruppen des modernen Volksbesitzes in allzu teilnahms-voller Betrachtung eine womöglich bis in prähistorische Vorzeit zurückreichendeAhnenreihe aufzutreiben.
Fig. 16. Gußform für eine Messingaxt. Huzulisch. Galizien.
In dieser Hinsicht ist wohl gerade mit Bezug auf die Volkskunst spe-ziell in Mitteleuropa ein deutlicher Umschwung der Meinungen erfolgt, in-dem die Abhängigkeit der Bauernkunst von den späten historischen Kunst-stilen für große Gebiete der Volkskunst einwandfrei nachgewiesen werdenkonnte.
Was an älterem Besitze vorhanden ist, trägt meist mehr den Charaktereines Überlebsels als den einer schöpferisch lebendigen Produktion. Immerhinvermögen wir bestimmte Rückzugsgebiete altertümlicherer Volkskultur in Europanoch deutlich zu erkennen; ganz Osteuropa einschließlich der Balkanhalbinselstellt wie in der Lebenshaltung seiner Bevölkerung, so auch in seiner Kunst einGebiet weitaus primitiverer Glossar ::: zum Glossareintrag primitiverer Artung dar als der zu höherer und mannigfaltigererKulturblüte gelangte Westen. Auf diesem Boden ist es in der Tat zur Bewahrunguralter, prähistorischer Kulturerscheinungen gekommen, deren Anteil namentlich
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