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1 (1914) Werke der Volkskunst : mit besonderer Berücksichtigung Österreichs. 1.
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stammt haben, der das Hauptreservoir für die Konservierung der alten syro-persischen Kunstüberlieferungen war und ja auch für die zweite Art der deko-rativen Landschaften, die Nilszenerien späte Belege liefert( vergl. oben S. 22).Im Gegensatze dazu bildete sich die byzantinische Kunst zur Hüterin der helle-nistischen Überlieferungen heraus, die von den Bilderstürmern niedergerungenwerden wollten. Gerade bei dieser Gelegenheit aber kamen in den Kirchenwieder die Landschaften auf, von denen wir ausgegangen waren. Vom KaiserKonstantin Kopromymos sagten die Bilderfreunde, er habe die Blachernerkirchein einen Obstgarten und ein Vogelhaus verwandelt. Die Malereien von KuseirAmra zeigen, aus welchem Kreise etwa man dafür die Vorbilder nahm¹.

Die Stickerei aus der Bukowina, ob sie nun im Lande selbst entstanden oderfertig aus Armenien importiert wurde, stellt immer den späten Zeugen einer aus-gestorbenen Kultur, einen Atavismus dar. Die Kunstforschung verdankt dersammelnden Volkskunde ein wichtiges Dokument, anderseits hat die Volks-kunde von der Kunstforschung den Nachweis von Zusammenhängen erhalten,die ein nicht unbedeutendes Streiflicht auf den Wert der Volkskunde werfen.Die beiden Gebiete haben sich gegenseitig als Hilfswissenschaften fruchtbareAnregungen geboten, und es frägt sich, ob dieses Verhältnis nicht, zu einemdauernden Hand- in- Hand- Arbeiten erweitert, für die Entwicklung beider Fächervon Wert sein könnte.

Wahrsagekarten der Wildensteiner Ritterschaft.

Von ALFRED WALCHER RITTER VON MOLTHEIN, Wien.

Mit Tafel VII und einer Textabbildung.

Ein kulturgeschichtliches Unikum besitzt das Museum für österreichischeVolkskunde in einer vermutlich kompletten Folge von Wahrsagekarten mitDarstellungen im Charakter der ersten Hälfte des 17. Jahrhunderts. Es sind imganzen 35 Karten, dünne Holztäfelchen mit Bemalung in Tempera. Auf Tafel VIwerden 16 Karten der Serie abgebildet; die restlichen 19 tragen die Darstellungen:Trauernde junge Dame, Wanderer, Junges Paar, Mönch, Dame am Söller,Liebespaar und Mörder, Bote eine Urkunde präsentierend, Trauung einesjugendlichen Paares, Herz im Rosenkranz, Hund, Schmetterling, Medikamenteund ärztliches Gerät, Totenkopf, Geldtruhe, brennender Bergfried, Meer, Schlange,Brief, Schatz( Krone und Prunkgefäße).

Alles spricht dafür, daß diese Karten der Wildensteiner Ritterschaft zurblauen Erde auf Burg Seebenstein im Tale der Pitten zugehörteneiner vondem Erbpächter der Burg Anton David Steiger im Jahre 1792 gegründetenVerbindung enthusiastischer Verehrer altdeutscher Sitte. Neben dem Wunsche,ältere Zeiten mit ihren kulturellen Vorzügen, besonders aber der höheren Ein-schätzung männlicher Tugenden, wieder aufleben zu lassen, verfolgte die Vereini-gung dieser Romantiker, zu welcher sich bald Erzherzog Johann als Hoch- undGroßmeister( Hans von Österreich, der Thernberger), Erzherzog Anton( Anton

1 Vergl. dafür meine Schrift ,, Amra und seine Malereien", Zeitschrift für bildende Kunst, N. F. XVIII, 213 f.