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Handgezeichnete Webereibücher aus Tirol.
Mit technologischen Erläuterungen von Prof. FRANZ DONAT, Wien.
( Mit Tafel XXXIV- XXXVII und 41 Textabbildungen.)
Dem k. k. Museum für österreichische Volkskunde sind vor kurzem zweihandgezeichnete Webereibücher, aus dem Oberinntale Tirols stammend, zu-gekommen, mit Datierung aus den Jahren 1658 und 1701 versehen. Über dieHersteller der Musterbücher geben die vorangestellten handschriftlichen Vor-bemerkungen die folgende Auskunft:
a) Ein Schenes Fueß Arbeit: sambt einem Leisten Buch, Welches durch michThoman Lins vom Anfang biß Zum endt abgerisen, und das Merere durchArbaidt Probiert worden, wie Hernach Schrifftlich vnnd Abcontrafeiter Zuesechen ist.
Anno dominy 1658.
b) Dißes Buch gehört mir Matheuiß Berger, Meister des Wöber Handwerchselbst mit eigener Hant abgerißen und zum Zumph geleit thauglich gemacht.Im Jahr 1701.
Gibt schon die handschriftliche Herstellung den durch gewandte Zeichnungund Motivenreichtum hervorragenden Mustern besonderen Reiz, so wird ihrWert für den studierenden Forscher wie den nachschaffenden Künstler nochbesonders dadurch erhöht, daß ihnen die Erläuterung der Herstellungsart inForm graphischer Skizzen der anzuwendenden Technik beigegeben sind. ZumVerständnis dieser Behelfe mögen die folgenden Ausführungen dienen.
I. Die Weberei.
Die Weberei, das ist die Kunst, aus zwei sich rechtwinklig kreuzenden Fadensystemenflächenartige Produkte, Gewebe genannt, zu erzeugen, ist wohl eines der ältesten Gewerbe.Jedes Gewebe besteht aus Längs- oder Kettenfäden und aus Quer- oder Schußfäden. DieGesamtheit der zu einem Gewebe notwendigen Kettenfäden nennt man die Kette, das dazuerforderliche Schußmaterial den Schuß.
Unter Fäden versteht man die Produkte der Spinnerei. Spinnen heißt, aus den Rohmaterialienwie: Baumwolle, Flachs, Hanf, Jute, Schafwolle usw. Erzeugnisse von großer Länge und ge-ringer Dicke, Faden oder Garn genannt, zu erzeugen.
Das Gewebe entsteht aus Kette und Schuß durch die Verflechtung, d. i. Über- und Unter-einanderlegung der Kettenfäden mit den Schußfäden.
Unter Bindung versteht man in der Weberei im allgemeinen das Gesetz, nach welchemdie Verflechtung oder Verbindung von Kette und Schuß erfolgt, im besondern die Zeichnung,welche das Verflechtungsbild des Gewebes darstellt.
Die Versinnbildlichung der Verkreuzung oder Verflechtung von Kette mit Schuß erfolgtauf dem Tupfpapiere( Carta rigata). Dieses ist ein Papier, welches wagerecht und senkrechtso liniert ist, daß nach Fig. 58 kleine kongruente Quadrate entstehen.Das Tupfpapier kann auch nach Fig. 77 mit einer größere Quadratebildenden Einteilung versehen sein. Die Anzahl Teile, welche ein sol-ches Quadrat in der Breite und Höhe enthält, ergibt das Papierverhält-nis; so hat man 8 in 8, 10 in 10, 12 in 12, 8 in 6, 8 in 7 und anderesTupfpapier.
XII
ΧΙ
x
1x
VIII
VII
VI
V
IV
111
11
1
723456789101112
Fig. 58.
Auf dem Tupfpapiere entspricht der Zwischenraum von einer Liniezur anderen einem Faden des Gewebes; die senkrechten Zwischenräumegelten als Kettenfäden, die wagerechten als Schußfäden. Das Abzählen