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1 (1914) Werke der Volkskunst : mit besonderer Berücksichtigung Österreichs. 1.
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Der Renaissancefund von Poysdorf.

Von ALFRED WALCHER RITTER VON MOLTHEIN, Wien.

Mit Tafel XXVIII- XXXIII und 17 Textabbildungen.

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Im Sommer des Jahres 1883 förderte die Adaptierung einer Zimmerstiegeim Hause des Weingutbesitzers Franz Hauser in Poysdorf einen sowohl kultur-geschichtlich als trachtenhistorisch gleich wertvollen Schatz zu Tage den ausder Zeit 1640-1650 stammenden Besitz einer wohlhabenden niederösterreichi-schen Bürgersfamilie an Kleidung, Leib- und Bettwäsche, Zinngeschirr undBüchern, nebst einzelnen Teilen der Ausrüstung eines österreichischen Soldatenim Offiziersrange.

Dieser Fund, glücklicherweise sofort nach seiner Aufdeckung nach Wiengebracht, wurde hier von Herrn Josef Salzer erworben, welcher ihn in hoch-herziger Weise dem Museum für niederösterreichische Landeskunde als dauerndeLeihgabe überließ.

Die Nebenumstände der Auffindung waren folgende: Aus dem links vonder Flur liegenden ebenerdigen Zimmer des Hauserischen Hauses führte einein der Mitte des Raumes angelegte, freie Zimmertreppe zu den Kammern desersten Stockwerkes. Um nun einerseits das ebenerdige Zimmer bewohnbarerzu machen, anderseits die Verbindung der höher liegenden Räume direkt mitder Hausflur zu ermöglichen, sollte diese Stiege an der Stelle ihres ersten Ab-satzes und ihrer Biegung direkt zur Flur geleitet werden, also in der Richtungihrer oberen Hälfte eine Fortsetzung zur Erde erhalten. In dem der Stiegen-breite entsprechenden, anscheinend übermächtigen Mauerteile, welcher nundurchbrochen werden mußte, fand sich ein Hohlraum, der mehr als zweihundertJahre unberührte und in Vergessenheit geratene, gegen Feuchtigkeit und andereschädliche Einflüsse geschützte Behälter des hinterlegten Hausschatzes.

Ob er in seiner Vollständigkeit auf uns gekommen ist, wissen wir nicht.Franz Hauser war, als er diese Arbeiten von mehreren Handwerkern vor-nehmen ließ, wie alle Hauer dieses durch den Fleiß der Bewohner bekanntenMarktes im Weingarten beschäftigt. Nur eine Frau war zugegen und diesearbeitete im Zimmer an der Wäsche. Es fiel ihr plötzlich auf, daß die Maurer-arbeit seit längerer Zeit ruhe und als sie Nachschau hielt, war der ganze Fundbereits ausgebreitet. Die Verlegenheit der Arbeiter sowie deren Widersprücheführten nach der Rückkehr des Hausbesitzers zu intensiven Nachforschungenim ganzen Orte. Hiebei dachte man in erster Linie an die Verschleppung einesGeldfundes, weil das Vorhandensein eines Schatzes im engeren Sinne als wahr-scheinlich vorausgesetzt wurde. Die Untersuchung hat jedoch nichts zu Tagegefördert. Der weit wertvollere Teil des Fundes, der kulturhistorische, dürfte unsin seiner Gänze überliefert sein, denn seine einzelnen Teile mußten den Findernwertlos erscheinen. Wurde Geld oder vielleicht sogar einzelnes Silbergeschirrauf die Seite gebracht, so würde dies die Bedeutung des Fundes kaum herab-setzen. Von der Bekleidung und Ausrüstung des Mannes fehlen die Hose, dieStiefel, der Hut und das Schwert. Aber den Abgang dieser Objekte möchteich damit erklären, daß sie zur Zeit der Einmauerung noch gebrauchsfähigund nicht aus der Mode gekommen waren. So hielt sich die Stiefelform, welche

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