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breitung besitzt, entstanden denken. Nicht zuletzt verdankt endlich auch hierdie Volkskunst den späten historischen Stilwandlungen der hohen Kunst eineheute noch gar nicht abzusehende Fülle von Bereicherungen und Anregungen.Die Tatsache aber, daß wir auf dem Boden der Volkskunst hie und da nochSpuren finden, welche über Jahrtausende hinweg in die Vergangenheit weisen,mögen dem Kunsthistoriker ein Zeichen sein, wie anders er sich sein Ziel zustecken hat, wenn er sich ins Bereich der Volkskunst, namentlich Osteuropas,begibt, als wenn er das bunte Bild der zur Individualkunst gesteigerten künst-lerischen Produktion der höfischen und städtischen Kreise Westeuropas verfolgt.Während er hier den Reiz der Forschung bisher vielfach in der Bereicherunggefunden hat, welche der einzelne Schaffende aus eigenem Genie schöpferischüber der Tradition aufbaute, findet er dort das treu bewahrte Erbe aus allenbedeutungsvollen Abschnitten der Vergangenheit, zum Teil mit fremdartigenverbildeten Zügen, die selten und erst heute wieder den Preis der höherenWertschätzung erringen. Nicht nur den fortbildenden Kräften, sondern auchdem stillen, aber unentrinnbaren Wirken dieser Vergangenheit auf alle künst-lerische Produktion gerecht zu werden, erscheint uns als der einzige Weg,welcher das Problem der Entwicklung aller Kunst zu lösen verheißt.
Ein altes Werk der Habanerkeramik.
Von Prof. JOSEF TVRDÝ, Wischau.
( Mit 2 Textabbildungen.)
Unter den ältesten Majolikastücken, die sich in den adeligen Häusern undMuseen Böhmens und Mährens finden, sind die Majolikaschalen auf der BurgBuchlau in Mähren die interessantesten. Allem Anschein nach sind es nichtitalienische Arbeiten, obzwar sie starken italienischen Einfluß verraten, sondernes sind wahrscheinlich Dokumente der Habanerkeramik, welche in den böhmi-schen Inventarien Prags und anderer Städte Böhmens aus dem Ende derRegierung Kaiser Rudolfs II. als„, Wiedertäufer- Schalen“,„ gemalte Wiedertäufer-Schalen" bezeichnet sind. Diese Schalen( Fußschüsseln) sind zwar den Schalenauf verschiedenen italienischen Renaissancebildern sehr ähnlich, sie zeigenjedoch in der Durchführung eine gewisse Selbständigkeit( besonders in denHerzdurchbrechungen) gegenüber den italienischen Arbeiten.
Man könnte darüber erstaunt sein, daß man Stücke von so echt italienischemCharakter den Habanern zuschreibt. Man darf sich jedoch die Habaner-majolika nicht als ganz einheitlich vorstellen. Das Habanervolk war als echteReligionssekte kosmopolitisch veranlagt und deswegen verschloß es sich nichtden Fortschritten in den Handwerken, auch wenn sie aus verschiedenen Län-dern herrührten.
Der italienische Einfluß läßt sich bei den Habanern in Mähren sehr leichterklären. Denn nach den Hutterischen Chroniken² war unter den mährischen
I Siegmund Winter: Přepych umeleckého průmyslu v měštanských domech XVI. veku. Časopis českého Musea1893. S. 83 u. f.
2 Dr. Josef Beck, Die Geschichtsbücher der Wiedertäufer, S. 211.