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ZUR EINFÜHRUNG.
er Wurzeln des weitverbreiteten und immer lebhafter werdenden Interessesfür die Volkskunst gibt es mehrere. Da ist zunächst der wissenschaft-liche Gesichtspunkt. Die Kunstwissenschaft, welche gegenwärtig immerstärker von ihren sattsam abgeweideten Lieblingsprovinzen und ihrenabgespielten Themen zu kunsthistorischem Neuland herübergezogen wird, wiees Prähistorie, Ethnologie und Volkskunde unübersehbar vor ihr ausbreiten,findet in der Volkskunst Europas eine ungemähte Wiese. Hier gilt es, altenKulturzusammenhängen folgend und anderseits ebensolche verborgener Art erstaufdeckend, die künstlerischen Abhängigkeiten wie die selbständigen Leistungennationaler Art aufzufinden und klarzustellen. Sie wird hier die nordwärts gehendespanisch- italienische Kulturströmung so gut wie die skandinavisch- russischenBeziehungen, das Werden des osteuropäischen Volkskunststiles unter früh- orien-talischen Glossar ::: zum Glossareintrag talischen Einflüssen, wie die späte Nachblüte der deutschen Volkskunst zu er-kunden haben. Insofern die Volkskunst Schichtenkunst ist, wird ihr Studiumüberall und zugleich ein belangreiches Kapitel der Sozialgeschichte bilden.
Neben dem wissenschaftlichen Interesse, so sehr wir es für die europä-ische Volkskunst und zumal diejenige unseres engeren Vaterlandes aufrufen,wo sich die verschiedenen Kultursphären Europas überlagern und kreuzen, be-steht weiters auch in künstlerisch- gewerblichen Kreisen eine innige Passionfür die Volkskunst, die in der Neigung wurzelt, in dieser die Panazee für diemoderne Produktion auf dem Gebiete unserer häuslichen Kultur zu erblicken.Die Bodenständigkeit und der heimatliche Charakter der Volkskunst in Ver-bindung mit ihrem Wesen als einer Qualitätskunst par excellence, sichern ihrden stärksten vorbildlichen Wert. Alle Kreise, die mit der Wahrung unsererkünstlerischen Heimatinteressen, mit der Pflege nationalen Geistes, mit der ge-sunden Fortentwicklung der Handarbeit zu tun haben, beschäftigen sich heutemit den überlieferten Werken und Werten der Volkskunst.
Die größte und verbreitetste Kundschaft hat dieselbe aber wohl in demästhetisch- interessierten Publikum überhaupt. Von aller Kunst interessiert unsheute am meisten und wirklich ernstlich nur die erlebte, die persönlicheKunst, alle künstlerische Arbeit, die eine warme Stelle in unserem Dasein hat,die in ihm wurzelt, mit ihm irgendwie organisch verwachsen ist. Hierin suchtman vielleicht die stärkste Wurzel für die wachsende Liebe zur Volkskunst.Denn, was immer dieselbe schafft, sie ist Eigenkunst, aus eigenem Drangeentsprungen, persönliche Lust und Tat. Ihre hundertfältigen Werke in den Niede-rungen des ländlichen Lebens aufzusuchen, sich damit sein Heim zu schmücken,sie nachzubilden, zu studieren, ist geradezu die Liebhaberei ausgebreiteter Kreisegeworden, die im Studium der einschlägigen Museen und Publikationen, wo-möglich selbst im Besitz einer kleinen Sammlung, in der volkskünstlerischenAusgestaltung ihrer Wohnräume den Ersatz für die immer mehr verlorengehendeFühlung mit Land und Volk finden.