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1 (1914) Werke der Volkskunst : mit besonderer Berücksichtigung Österreichs. 1.
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Die Arbeiten des Schnitzers Johann Kieninger.

Von Prof. Dr. M. HABERLANDT.

( Mit Tafel IV und 8 Textabbildungen.)

An der Volkskunst, die gewöhnlich aus wirklichen Lebensanlässen für denEigenbedarf schafft, arbeiten viele anonyme Naturkünstler im Volke mit. Nichtjeder freilich vermag solche Dinge zu schaffen, so wenig wie der Nächstbeste

ein Volkslied, einen Vierzeiler, einen Juchezer neuzu gestalten vermag. Es sind immer bestimmteund besonders veranlagte Naturbegabungen, diemit solchen Leistungen spielerisch oder auch imNebenerwerb hervortreten. Fast auf allen Ge-bieten volkskünstlerischer Arbeit stoßen wir stetswieder auf den Fall, daß die besseren Arbeitensich nach der Tradition mit bestimmten Namenverknüpft zeigen. Wenn man, durch das Typischedieses Vorganges aufmerksam gemacht, auf dasAuftreten solcher im Volk mit Namen bekannterNaturkünstler achthat, ist es gar nicht so schwer,eine stattliche Liste derselben für die einzelnenVolkskunstgebiete anzulegen. Ich erwähne z. B.als richtigen Vertreter dieses Typus den Bauern-künstler Ignaz Schrammel in Wallern, geboren1762, der 1846, 84 Jahre alt, daselbst verstarb. Erwar nie aus seinem Heimatsorte fortgekommenund arbeitete als Tischler, Bildhauer, Maler, allesaus sich nehmend oder anderen ablauschend. Ich habe, Österr. Volkskunst,Textband S. 5, eine Reihe von solchen Beispielen zusammengestellt und unter-nehme es nun, in der nachfolgenden Darstellung einen der denkwürdigsten Fälledieser Art zu allgemeinerer Kenntnis zu bringen. Ich freue mich, damit zu-gleich dem Gedächtnis eines ehrenfesten und hochbegabten Mannes, der dentüchtigen Volksschlag unserer Alpenbevölkerung auf das würdigste verkörperthat, die verdiente Ehrung erweisen zu können.

Fig. 1. Gabensammler.

Weit über Hallstatt hinaus in einem großen Teil des Salzkammergutes be-kannt und berühmt sind die Schnitzarbeiten des Salzarbeiters Johann GeorgKieninger( vulgo Kramerschneider), der, 70 Jahre alt, im Januar 1899 zuHallstatt starb. Stets mit Not und Armut kämpfend, aber immer aufrecht, hater in den kargen Mußestunden seines mühevollen Daseins eine große Reihevon Arbeiten geschaffen, welche schon zu seinen Lebzeiten dem Manne einegewisse Beachtung in seiner Heimat einbrachten. Wenn irgendwo in der Volks-kunst, so hat sich hier eine starke angeborne künstlerische Begabung, wiesie in den Alpensöhnen( besonders bestimmter Distrikte) so manchmal schlum-mert, unter den widrigsten Verhältnissen kundgegeben, eine Begabung, dieohne jede unmittelbare Unterweisung alles aus sich nahm und bloß aus

Den Herren Prof. Gustav Goebel in Ischl und Direktor Pölleritzer in Hallstatt schulde ich für mehrereNachweise verbindlichen Dank.