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1 (1914) Werke der Volkskunst : mit besonderer Berücksichtigung Österreichs. 1.
Entstehung
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Nach einem mir gütigst zur Verfügung gestellten Berichte des ehemaligenDirektors der Hallstätter Schnitzereischule Prof. Gustav Goebel, der Kieningersehr gut gekannt und seine Tätigkeit mit großem Interesse verfolgt hatte,hat der Meister außer größeren Objekten nach Art der angeführten und derAltargruppe im Kalvarienbergkirchlein in Lahn meist einzelne vollrunde Fi-guren, Volkstypen Glossar ::: zum Glossareintrag  Volkstypen und Gruppen, Szenen aus dem Volksleben darstellend, ausHolz gefertigt. Die meisten dieser kleineren Schnitzarbeiten wurden entwederdirekt oder durch den Verleger Ignaz Seetaler an Touristen oder Sommer-frischler verkauft. Sie scheinen seither oft von anderer Hand kopiert oder plagiiertworden zu sein, so z. B. Nr. 8( Regerl) oder die Scherzgruppe von Dachstein-besteigern. Auch werden jetzt in Hallstatt manche Schnitzwerke als KieningerscheArbeiten bezeichnet, die gewiß nicht aus seiner Hand hervorgegangen sind.Schon diese knappe Liste der authentischen er-haltenen Arbeiten lehrt den absolut volkstümlichenCharakter dieses Lebenswerkes erkennen, welches,nicht frei von naiven Anklängen an gewisse typischeKunststücke, sich doch dabei zu rein künstlerischerArtung hindurchgerungen hat. Solche primitive Glossar ::: zum Glossareintrag  primitive Re-miniszenzen stecken selbst in den großen ArbeitenKieningers, in der Kirche wie der Krippe. Die Tau-sende handgeschnitzter Schindelchen, mit denen dasKirchendach und der Turmhelm in mühevollster Arteingedeckt sind, das Glockenspiel des Turmes mitselbstgegossenen Glöckchen, die kindliche Spiel-mechanik besonders auch in der großen Krippe sindbeispielsweise solche Züge, auf welche nur unkulti-vierter Geist einen Akzent legt. Aber wenn wirderartigen künstlerischen Armenleutgeruch nicht ver-schweigen, dürfen wir um so nachdrücklicher aufdie im ganzen doch hohe und befreite Haltung undauf den erfrischenden Humor hinweisen, der diese kleinen Kunstwerke fastdurchwegs auszeichnet.

Fig. 5. Schnitzfigürchen,fec. J. Kieninger.

Dasjenige Werk, auf welches sich der Meister wohl das meiste zu gute tat,ist der zierlichschöne Bau seiner Hallstätter Kirche( Fig. 2). In ihrer Architektursowohl wie ihrer künstlerischen Ausstattung ist sie der Hauptsache nach durch-aus das Werk des Schnitzers. Zunächst im Grundriß als Nachbildung derprotestantischen Kirche von Hallstatt gedacht Kieninger war, wie erwähnt,evangelischer Konfession, wie auch der Turm diesem Vorbild entlehnt ist,entschied sich der Schnitzer während der Arbeit, vermutlich von seinemkünstlerischen Ehrgeiz getrieben, um sich eine größere Aufgabe stellen zukönnen, für den Aufbau der Kirche das Vorbild der alten hochragenden katho-lischen Pfarrkirche zu wählen. Den Turm placierte er ebenfalls dem letzterenVorbild entsprechend. Aus dieser Synthese ist nun, wie der Augenschein lehrt,ein sehr wirkungsvoller Bau von durchaus harmonischen Abmessungen undeindrucksvoller Silhouette hervorgegangen. Weitaus die größere und wirklichkünstlerische Erfindung ist aber an die Inneneinrichtung der Kirche verwendet,