Druckschrift 
Volkskunst im Zeichen der Fische : Ausstellung im Prämonstratenserstift Geras ; Katalog
Entstehung
Seite
42
Einzelbild herunterladen
 

auf einem phantastischen Horn bläst 203. Eine englische Steingutfliese,Liverpool um 1775, zeigt den auf dem Delphin reitenden Knaben ge-flügelt 204. In der weiteren Verbreitung ergeben sich Differenzierungen: Aufeinem in Fischform geschnitzten Pfeifenkopf aus St. Omer scheint dieDelphinreiterin doch ein Mädchen, eine Sirene zu sein, da ist also wohlSeemanns- Volkskunst im Spiel 205. Bei einer vielfarbig glasierten Tonlampein Fischform aus Caltagirone auf Sizilien dagegen glaubt man in demDelphinreiter doch Napoleon III. zu erkennen 206. Der für Italiens Einigungso wichtige Franzosenkaiser hat in der Volkskunst ja gar nicht wenigeSpuren hinterlassen. Auf deutscher Seite konnte er eventuell als Karnevals-prinz auftreten, wie aus einer Darstellung eines der Karnevalswagen imKölner Faschingszug von 1824 hervorzugehen scheint 207. Aber der Karne-valsprinz, der da in seinem Delphinwagen thront, als ob er auf demMeerestier reiten würde, muß gar keine historisch- politische Persönlichkeitsein.

Wenn man die Delphin- und Delphinreiter- Darstellungen in der Volks-kunst mustert, hat man den Eindruck, daß alle die vielen gesammeltenStücke doch nur einen sehr bruchstückhaften Eindruck von der tatsächlichstattgehabten, gelebten Wirklichkeit ergeben. Die Sammlungen haben mitihren Erwerbungen die Themen doch eigentlich nur andeuten, nicht etwaausführlich dokumentieren können. Es ist aber anderseits doch sehr aner-kennenswert, daß die Museumsgründer der Frühzeit unseres Jahrhundertsimmerhin soviel an Ausgriffen gewagt haben, daß sich diese Andeutungenmitunter zu einem wenn auch noch sehr umriẞhaften Bild zusammenfügenlassen.

9. MEERWUNDER

Von der beachtlich großen Fülle der Volkskunst- Objekte, auf denenMeerjungfrauen Glossar ::: zum Glossareintrag Meerjungfrauen, Frauen mit Fischschwänzen, dargestellt waren, haben sichverhältnismäßig wenige in Sammlungen erhalten. Ab und zu eine Torver-zierung, ein Ofensockel, ein Huthaken oder aber immer wieder Lebzelten-model, das sind so die Hauptgruppen 208. Dabei hat das Motiv von derAntike an über das ganze Mittelalter noch die ganze frühe Neuzeit be-schäftigt und ist vor allem auf Inseln und an Küsten nie ganz zurückge-drängt worden. Der Gedanke, daß es Geschöpfe gegeben habe, die halbMensch, halb Fisch seien, und die in den verschiedensten Formen mit

203 OMV M 9001.

204 Gerhard Kaufmann, wie oben Anm. 195, Abb. 315 unten.205 Hans- Jürgen Hansen, Europas Volkskunst, Abb. S. 126/ c.

200 Paolo Toschi, Arte popolare Italiana. Rom 1960, Abb. 284/1( farb.).207 Volkskunst aus Deutschland, Österreich und der Schweiz. Katalog dergleichnamigen Ausstellung. Köln 1969, Nr. 1466, Abb. 208.208 Oskar von Zaborsky Wahlstätten,

S. 140 ff.

42

wie oben Anm. 86,