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Jens Wietschorke
uns nicht von sich aus, was ihre Kontexte sind, sondern die Kontextewerden im wissenschaftlichen Zugriff konstruiert. Die mit„ Kultur"befassten Disziplinen haben mit dieser Konstruktionsarbeit vielleichtdie meiste Erfahrung. Lawrence Grossberg beschreibt die Praxis derCultural Studies als„ radikal kontextualistisch“, und er merkt dazu an:„ Der Kontext eines partikularen Forschungsprojekts ist nicht zuvorempirisch gegeben; er muß durch das Projekt, durch die politischeFrage, die am[ sic] Spiel steht, definiert werden. Der Kontext kann soeng wie eine Nachbarschaft zu einem bestimmten Augenblick odereine städtische Region oder vielleicht sogar eine örtliche Hauptschulesein, die Rassenprobleme hat, oder er kann so weitläufig wie der glo-bale Kapitalismus nach dem Kalten Krieg sein. Bündig formuliert:Für die Cultural Studies ist der Kontext alles, und alles ist kontex-tuell" 27 Radikale Kontextualität bedeutet auch: Die Sozial- und Kul-turwissenschaften offerieren immer Interpretationen, 28 man müsstesogar mit Blick auf die Sinnzuschreibungen in der sozialen Welt von,, Interpretationen von Interpretationen“ sprechen, die im Laufe derAnalyse in verschiedene Sinnzusammenhänge, also Kontexte, einge-ordnet werden. Wie man hier der Idee von Werturteilsfreiheit folgenwill, ist nicht leicht plausibel zu machen. Wir haben es eben nichtmit kühl abzuarbeitenden Daten zu tun, sondern die kulturwissen-schaftliche Arbeit ist eine deutende und verstehende, eine reflexiveund die ForscherInnen involvierende, eine idiographische und keinenomothetische Arbeit, sie ist auch eine Arbeit an und mit gesellschaft-lichen Debatten, zu denen man schon Position bezieht, wenn mansie nur zitiert oder wenn man sich überhaupt nur für ein Themain ihrem Umkreis entscheidet. Um das zu illustrieren, könnte manzahllose Beispiele wählen, etwa die im Fach notorische Diskussionum den Begriff„, Heimat“. Schon ein flüchtiger Blick in einschlägigeeuropäisch- ethnologische Publikationen zum Thema, etwa in den vonManfred Seifert herausgegebenen Tagungsband„ Zwischen Emotionund Kalkül" oder in Beate Binders Beiträge zu Heimat und Migration,in den 1984 erschienenen Band„ Heimat heute“ mit Beiträgen von
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Lawrence Grossberg: Die Definition der Cultural Studies. In: LutzMusner, Gotthart Wunberg( Hg.): Kulturwissenschaften. Forschung- Praxis- Positionen. Wien 2002, S. 46-68, hier S. 61.
Ulrike Felt, Helga Nowotny, Klaus Taschwer: Wissenschaftsforschung.Eine Einführung. Frankfurt a. M., New York 1995, S. 164–165.