Konrad Köstlin
als ,, primitive Glossar ::: zum Glossareintrag primitive Gemeinschaft" beschrieben hat, mag hier stehen. Dort heißtes, es sei diese Gemeinschaft, die in ,, denselben Liedern, denselben An-schauungen, demselben Wissen, denselben Festen, Sitten und Gebräu-chen mit einer bis ins Kleinste genauen Übereinstimmung besteht. Aberin diesem Gemeinschaftsleben liegen die Grundlagen ihrer Kultur, liegtdie Stärke und die Sicherheit jedes Einzelnen, die ihm durchaus die Stär-ke und die Sicherheit der eigenen Persönlichkeit ersetzt- solange er derGemeinschaft verbunden ist." 14
Naumann sah natürlich auch, was diese Gleichförmigkeit bot: Verhaltens-sicherheit, das Nichtnachdenken müssen,„ Sicherheit im Volksleben".Wem nichts in Frage gestellt wird, der braucht die moderne Unsicherheitnicht zu fürchten. In der Perspektive aus der Moderne sieht es so aus, alssei die selbstverständliche Fraglosigkeit des Lebens Merkmal einerVormoderne gewesen, die in Reliktgebieten- und„ Reliktgebiet“ war Be-griff, Beschreibung und Erklärung zugleich- noch in Resten anzutreffen
sei.
IV.
What people share, was Menschen als gemeinsam ansehen, worauf siesich verständigt haben, nennen wir in der Europäischen Ethnologie ,, Kul-tur". Immer noch ist Kultur gemeinhin auch das Besondere. Das WortAlltagskultur scheint also widersinnig zu sein, und oft bleibt die Redevom erweiterten Kulturbegriff eine Krücke. Sie will einmal auch die Le-bensformen der Unterschichten als Kultur ernst genommen wissen undwill dann selbst das Banale als Ausdruck achten, meint also auch eineKritik an der Beschränkung des Begriffs auf die Hochkultur und die osten-tative Ausrichtung der Volkskultur auf festliche Bräuche.
Wenn nun unsere Alltage thematisiert werden, also zu etwas Besonderemstilisiert werden, dann werden sie zu etwas, was sich immer weniger vonselbst versteht- in der Tat zu„ Kultur“. Sie bildet einen Symbolhaushaltaus, der auf eine eigene Ausdrücklichkeit abhebt, gerade dann, wenn die-se Alltage von uns immer mehr Entscheidungen verlangen, aber gleich-zeitig( und deshalb) als Handlungsräume des persönlichen Ausdrucks,der Kreativität gedeutet und wahrgenommen werden. In diesen Tagenwird beim großen Frauenfest in Wien eingeladen, beim„, Create your ownT- Shirt- Workshop" mitzutun. Hier ist auch der Unterschied zwischen Festund Feier und Event zu markieren: Fest und Feier wiederholen, ein Event
14 Hans Naumann: Grundzüge der deutschen Volkskunde. Leipzig 1929, S. 58.
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