Bernhard Tschofen
Vom Alltag
Schicksale des Selbstverständlichen in derEuropäischen Ethnologie
Alltagskulturen das Thema bedarf vorderhand keiner Legitimation.Weder in öffentlicher Hinsicht noch in akademischer, denn Alltag scheintheute akzeptiert zu sein, als wissenschaftliche Kategorie ebenso wie alsAusdruck eines erweiterten Kulturverständnisses in der Öffentlichkeit.Für eine Österreichische Volkskundetagung kann es kaum ein nahe-liegenderes Thema geben, mit den Alltagskulturen hat sie diesmal ihrenkonsensualen Gegenstand ins Schaufenster gehoben, kann sie zeigen, wassie alles darunter zu subsumieren weiß, was sie geleistet hat und woranaus ihrer Sicht zu arbeiten wäre: Forschungen und Dokumentationen, dieillustrieren, wie das Fach seit der alltagskulturellen Wende mit neuenFeldern und Kompetenzen vielleicht auch sichereren Stand in der Öffent-lichkeit gewonnen hat.
Warum dann die Nachfrage mit dem herausfordern( eindeutig) zweideu-tigen Untertitel? Warum Schicksale? Nicht weil hier an die Kritikerinnert werden soll, die einst gegen die Alltagsgeschichte gerichtet warund ihr den Ruf eingetragen hat, ihr sei„ der trutzige Industrieprolet, derBauernbandit, der allgegenwärtige Schweijk" zum Heros geworden, wieeinst ,, der geschmeidige Diplomat, der erfolgreiche Politiker“ Lieblings-figur Leopold von Rankes war.' Nicht weil dem zumindest ebensopopulären Bild gefolgt werden soll, das der Wiener Historiker ReinhardSieder im Hinblick auf ,, das besondere Interesse am Alltag der, kleinen'Leute" ausgemacht hat und in Schulbüchern wie in den Alltagsgeschichtendes ORF den Alltag zum„ irdische[ n] Jammertal" macht ,,, eine Inszenie-rung des Elends der Anderen, um sich selbst und die Gegenwart gegen-über einer dunkleren Vergangenheit zu erhöhen“. Und auch nicht, weil
1 Hans- Ulrich Wehler: Neoromantik und Pseudorealismus in der neuen„ Alltags-geschichte". In: Ders.: Preußen ist wieder chic... Politik und Polemik. Frankfurt amMain 1983, S. 99-106, hier S. 102.
2 Reinhard Sieder: Die Rückkehr des Subjekts in den Kulturwissenschaften. Wien2004, S. 72.
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