Konrad Köstlin
Der Alltag als Thema der Europäischen
Ethnologie
I.
Der Soziologe Ralph Linton hat Kultur einmal als„ the manmade part ofenvironment" bestimmt. Linton war es auch, der gemeint hat, das letzte,was der Fisch entdecken würde, sei das ihn umgebende Wasser. Mit derLuft oder dem Alltag verhält es sich ähnlich. Der Verlust der guten Luftwird erst dann beklagt, wenn sie zum Atmen nicht mehr zu taugen scheint.Der Alltag wird erst dann problematisch,' wenn er seine Selbstverständ-lichkeit verloren hat, diskutiert und als solcher entdeckt und benannt wird.Die Entstehung einer modernen Disziplin wie die Volkskunde kann alsIndiz dafür gelten, dass diese Selbstverständlichkeit als ein„, Früher" anihr Ende gekommen ist. Dieses Früher wird angesichts der Erfahrungendes Wandels einer sich modernisierenden Gesellschaft als Verlust regi-striert, und ihm wird in unserem Fach ein nostalgischer Gegenbegriffzugedacht, der lange ,, Volkskultur" oder„, historische Gemeinschaft" hieß.Manchmal hat es dann den Anschein, als sei wiederum der Alltag dasSubstitut der Volkskultur geworden- so unauffällig hat sich der Begriffdes Alltags in unserer Fachsprache eingeschmuggelt. Bis dann mit einemgewissen Überdruss gefragt wurde, als es um„, Perspektiven volkskundli-cher Museumsarbeit“ ging:„ Alltagskultur passé"? ²
Der Alltag bleibt ein Dauerbrenner, mit einigem Recht, denn er ist inseiner neuen Ausdrücklichkeit ein ausschließlich moderner Begriff, denwir meist unbesehen und geradezu fahrlässig aus unserer verbalisierten
¹ Utz Jeggle: Alltag. In: Hermann Bausinger, Utz Jeggle, Gottfried Korff u. MartinScharfe: Grundzüge der Volkskunde. Darmstadt 1978.
2 Gottfried Korf u. Hans- Ullrich Roller( Hg.): Alltagskultur passé? Positionen undPerspektiven volkskundlicher Museumsarbeit. Referate und Diskussionen der 10.Arbeitstagung der Arbeitsgruppe„ Kulturhistorisches Museum" in der DeutschenGesellschaft für Volkskunde in Stuttgart/ Waldenbuch vom 6. bis 9. Oktober 1992( Studien& Materialien des Ludwig- Uhland- Instituts der Universität Tübingen,Bd. 11). Tübingen 1993.
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