Druckschrift 
Studien zum griechischen Volkslied
Entstehung
Einzelbild herunterladen
 
  

Kulturgüter24. Der sakrale, von den Ikonen geschützte, vom Menschengeordnete, verwaltete und gestaltete Wohn- und Lebensraum bildet eine Inselin der grundsätzlich feindlichen, von Dämonen beherrschten äußeren Natur-welt25. Der metaphysisch sanktionierte Bereich ,, Haus als soziale Entität istgrundsätzlich identisch mit der ,, Familie, die die kleinste Sozialmonade undIdentifikationsbasis des Einzelnen bildet26. Hausgemeinschaft und Blutsge-meinschaft fallen im allgemeinen zusammen, da die erweiterten Großfami-lien( wie die ,, zadruga" des Zentralbalkanrums) nur in wenigen Landschaf-ten geschlossen auftreten27. Wenn ein Familienmitglied nicht ,, zu Hause" ist,d.h. in der Fremde weilt, wird dies in einem eigenen Lied besungen( vgl.Kap. 5) 28. ,, Hausherr" und ,, Haus" werden in einem losen Identifikationszu-sammenhang gesehen; neben eigenen Ansingeliedern ,, auf das Haus" 29 isthäufig die Stereotypformel anzutreffen:

In diesem Haus, in das wir kamen, kein Stein soll rissig werden,Und der Herr des Hauses soll viele Jahre leben³0.

Daß die Steine des Hauses Risse bekommen, deutet weniger auf seineBaufälligkeit hin, als auf den ,, reißenden" Schmerz, der seine Einwohner beieinem Todesfall ergreift, und der auch, in Analogie von Familie und Haus,dessen Fundament heimsucht.

Der Hausherr ist meist Bauer oder Viehzüchter³¹. Dies entspricht reellenGegebenheiten der Kontinentalzonen Griechenlands der Türkenzeit; größereVielfalt tritt nur in den Küstenzonen und Inselgebieten auf32; der Liedinhalt

24 J. Dubisch, Culture enters through the kitchen: Women, Food and social boundaries in ruralGreece. In: Gender and Power in Rural Greece. Princeton 1986, S. 195-214.25,, The house, therefore, according to this way of thinking, is not simply a place from whichits members go out to work in the morning and to which they return at night; it is a sanctuaryfrom the hostility of both nature and society, it is a monument to earlier generations whobuilt it and lived in it, and it is a cornucopia which is filled, not just with fruits but withfruits of the family land gained by family toil. And this last image is an image so vivid thatits preservation far outweights the advantages to be gained by sacrificing it to an increasedcash income"( Du Boulay, op. cit., S. 38).

26 J. K. Campbell, The Kindred in a Greek Mountain Community. In: J. Pitt- Rivers( ed.),Mediterranean Countrymen. Paris 1963, S. 73ff.

27 Vgl. z.B. den Sammelband Communical Families in the Balkans, the Zadruga. Essays byPhilip Mosely and essays in his honor. Notre Dame, Indiana 1976.

28 Seine prinzipielle und unverlierbare Zugehörigkeit zur Familie, auch noch nach seinemTod in der Fremde, äußert sich durch den Brauch des ,, Kenotaphions", des leeres Sarges,der die gleiche rituelle Behandlung erfährt( Begräbnis, Klage, Grabpflege usw.). Dazu M.R. Bajraktarović, Das leere Grab- ein alter Brauch bei den Serben. Zeitschrift fürEthnologie 85( 1960) S. 47- 53; L. Kretzenbacher, Serbisch- orthodoxes Totengedenkenzwischen Überlieferung und Neuprägung. Österreichische Zeitschrift für VolkskundeXXXVI/ 85( 1982) S. 5-18( vgl. auch ders., Balkanischer Totenkult für den in der HeimatGrablosen. In: Ethnologia Europaea. Studienwanderungen und Erlebnisse auf volkskund-licher Feldforschung im Alleingang. München 1986, S. 143ff.).

29 Vgl. das Material bei Puchner, Brauchtumserscheinungen Glossar ::: zum Glossareintrag  Brauchtumserscheinungen, op. cit., S. 76ff.

30 Spandonidi, op. cit., S. 93, Vers 3- 4.

31 Zu letzterem vgl. das Lied Kap. 7 Anm. 188.

175