An Motivsequenzen lassen sich folgende Themenkomplexe trennen: I. Ein-leitung, II. Exposé, III. Begegnung mit den Schwestern, IV. Auferweckung,V. das Aussehen des Redivivus, die Frage nach dem Aufenthalt und dieUnsäglichkeitsformel als Antwort. Der Motivsatz I( im Beispiel Vers 1)bringt gewöhnlich den Gruß, Festankündigung, das Nahen der Ostern oderden Einzug des Frühlings. Die Einleitung zeigt zum Teil originelle assozia-tive Verbindungen von Funktionskontexten der Singsituation( Gruß, Festan-kündigung, Aufforderung zum Kirchgang) zu den Geschehnissen in Betha-nien 140. So etwa die Aufforderung, die Christen mögen sich erheben, dennman höre das Wehgeschrei der Frauen um Lazarus 141, oder sie mögenaufstehen, zur Kirche gehen, um Maria zu sehen und Lazarus, der docherkrankt und verstorben gewesen sei in der Stadt Bethanien 142; oder diekühne assoziationslogische( nicht kaussallogische) Verbindung: Lazarushabe den Sänger aufgefordert, heute seine Leiden und das Wunder seinerAuferweckung zu besingen 143. Motivkomplex II( Beispiel V. 2- 5) bringtdie Klagen der Schwestern und Christi Aufbruch nach Bethanien. Diesenotwendige Vorinformation, die Erzählung des Herganges, wie es zu demWunder gekommen sei, ist in der mündlichen Tradition des epirotischenSubtyps aufs äußerste beschränkt¹44. Ähnlich gerafft ist auch MotivsequenzIII( Beispiel V. 6 – 11), die Begegnung der Schwestern mit Christus und dieBekräftigung ihres Glaubens, er könne Tote auferwecken. Selten ist hier dieKlage weiter ausgeführt 145. Das biblische quatriduanus/ tetartaios/ tetrahe-meros wird hier volkstümlich- derb wiedergegeben: ,, Vier Tage sind nunvergangen, da er in die Erde beißt" 146. In manchen Varianten fehlt die139 Suli, op. cit., S. 187ff.
140,, Willkommen sei uns Lazarus, heute wohl und übers Jahr/( in Weiß, in Rot und Blumen-farben)./ Es bringt der Frühling die Freude, bringt uns die ganze Welt,/ bringt auch Christus,den Gottessohn, in die Stadt Bethanien"( LA 2471, o. S. V. 1-4). Der zweite Vers bildeteinen stereotypen Farbentopos, der in vielen Ansingeliedern und Volksliedern vorkommt( zu einem ähnlichen Farbentopos vgl. auch M. I. Manusakas/ W. Puchner, Die vergesseneBraut. Bruchstücke einer unbekannten kretischen Komödie aus dem 17. Jahrhundert in dengriechischen Märchenvarianten vom Typ AaTh 313c. Wien 1984, S. 180, Distichon 11,S. 203 Distichon 11 im griechischen Original). Ähnlich auch Suli, op. cit., S. 187ff. undLA 2114, S. 21ff.
141 Wobei der Klagechor aus mehreren Frauen besteht: Martha, Maria Magdalena, die Mutter(!) des Lazarus und die Schwester Jakobs( LA 2151, S. 3f.).142,, Heute ist die Auferweckung, heute die des Lazarus./Erhebet euch ihr Christen doch,
erhebet euch ihr Brüder,/ und laufet rasch zur Kirche hin, zu sehen ein großes Wunder,/ damitihr seht den Lazarus zusammen mit Maria,/ der krank geworden ist und starb in der StadtBethanien"( Suli, op. cit., S. 188 V. 1-5; ibid. S. 188f. ist auch eine rhetorische Eingangs-frage aufgezeichnet, ob man singen dürfe).
143 LA 2096, S. 5 V. 5-6.
144 Z.B. Suli, op. cit., S. 188, 188f.
145 Z.B. LA 2114, S. 21 ff.:,,Ach, ach, mein Herr, ach, und mein Geliebter,/ ach, du Sanftesterund mein Geliebter,/ hab doch Erbarmen mit der Jammernden/ und Mitleid doch mit derVerbitterten,/ lasse auferstehen meinen Bruder,/ den Sanftesten und von mir Geliebten"( V. 13-18). Die Übertragung der charakteristischen Epitheta von Lazarus( ,, Sanftester",,, Geliebter") auf Christus darf als ein Effekt der oralen Tradierung gewertet werden.146 LA 53, S. 7 V. 53.
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