der Großteil der unterschichtlichen Hebe- und Grablieder religiösen undparareligiösen Ursprungs sind54.
Die Klagelieder setzen erst nach eingetretenem klinischen Tod ein, obwohldie ambienten Vorstellungskomplexe bereits den Todeskampf bzw. das Ent-weichen der Seele betreffen 55. Es gibt so etwas wie einen ,, guten" und einen,, schlechten" Tod, obwohl in der griechischen Tradition der Thanatos alshöchstes Übel gilt, als Verbrechen wider die Natur, für dessen Existenz inmanchen Lamentationen die Grundsatzfrage der Theodizee gestellt wird:wie kann Gott die Existenz des Charos zulassen- also eine gänzlich konträreKonzeption zur orthodoxen Anastasis- Botschaft, die die endgültige Besie-gung des Todes verkündet57.- Die Befolgung des vorgegebenen Ritualsbeim Übergang vom diesseits ins Jenseits garantiert den ,, guten" Tod, die,, richtige" Bestattung, mit Beweinung und Beklagung durch die Famili-enangehörigen, priesterlicher Einsegnung usw., die die ,, Seele" im Jen-seits ,, zur Ruhe“ kommen läßt 58. Dabei gibt es freilich Termine undPhasen, zu denen die Seelen wieder auf die Oberwelt kommen, wie dieZwölften, die Vorfastenzeit, die Periode zischen Ostern und Pfingsten, imBalkangebiet die ,, Rusalien"-Samstage usw.59, wie überhaupt die Kom-munikation- trotz aller gegenteiliger Unterweltsvorstellungen- niemalswirklich erlischt( erst nach der Exhumierung der Gebeine). Die rituellunkorrekte Bestattung, in der Fremde etwa und der Emigration, oder beiErtrinken 60, führt zu Wiedergängern( revenants), zu Vampirlegenden,54 Siehe die Untersuchungen und Sammlungen: H. Huber, Gebet- und Liedgut um Tod undBegräbnis aus Niederösterreich. Wien 1981; H. Gall, Das Totenlied in der oberösterreich-sichen Volksdichtung. Wien 1936; K. M. Klier, Das Totenwacht- Singen im Burgenland.Eisenstadt 1956; W. Müller, Das steirische Heb- und Grablied. Diss. Graz 1938; W.Suppan, Über die Totenklagen im deutschen Sprachraum. Journal of the International FolkMusic Council 15( 1963) S. 18- 24; L. Heinemann, Über Quellen, Entwicklung undGestaltung der bayrischen Totenklage. Diss. Marburg 1923; R. Hadwich, Totenlieder undGrabrede aus Nordmähren und den übrigen sudetendeutschen Gebieten. Reichenberg1926; K. Horak, Totenlieder aus Gaidel( Slowakei). Jahrbuch für ostdeutsche Volkskunde7( 1962/63) S. 107- 138. Ähnlich dürften die Verhältnisse auch im westslawischen undromanischen Raum liegen. W. Suppan, Geistliche Volkslieder aus der Karpato- Ukraine.Jahrbuch des oberösterreichischen Musealvereins 108( Linz 1963) S. 219- 250 und H.Springer, Das altprovenzalische Klagelied. Diss. Berlin 1894.
55 I. Sp. Anagnostopulos, Ο Θάνατος και ο Κάτω Κόσμος στη δημοτική ποίηση( Εσχα-Tooуía ηg notiкnç лoinσng). Diss. Athen 1984, S. 108ff.
56 Vor allem G. Saunier ,,, Adikia". Le Mal et l'Injustice dans les chansons populairesgrecques. Paris 1979, S. 225-339.
57 Dazu ausführlich W. Puchner, Zur liturgischen Frühstufe der Höllenfahrtsszene Christi.Byzantinische Katabasis- Ikonographie und rezenter Osterbrauch. Zeitschrift für Balkano-logie 15( 1979) S. 98- 133.
58 Zur Seelenvorstellung in der griechischen Tradition J. Bremmer, The early Greek conceptof soul. Princeton/ New Jersey 1983( mit der gesamten Literatur). Vgl. auch die klassischeStudie von E. Rohde, Seelenkult und Unsterblichkeitsglaube der Griechen. Leipzig 1894.59 Die meisten dieser Termine sind auch wichtige Maskentermine( vgl. W. Puchner, Brauch-tumserscheinungen Glossar ::: zum Glossareintrag tumserscheinungen im griechischen Jahreslauf und ihre Beziehungen zum Volkstheater.Wien 1977, pass.).
60 Dazu W. Puchner, The stranger in Greek folk song. Ballad Research. Ed. H. Shields. Dublin
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