schläge für die Überlebensstrategien jeglicher Sozietät. Hier wird charakte-ristischerweise auch der soziale Tod vom biologischen Tod unterschieden¹³.Tod und Begräbnis, Attitüden und Ideologeme rund um die Toten gehörenzum festen Forschungsrepertoire traditioneller Volkskunde14. Die Wirk-mächtigkeit des Todes in den Volksgesellschaften, ausgedrückt in Mortali-tätsrate, durchschnittlicher Lebenserwartung, manifest in der permanentenAngst vor Epidemien, Kriegen, Unfällen und Hungersnöten¹s, ist daranbeteiligt, daß der Tod als zentrales Ereignis in fast allen Liedgattungen allereuropäischer Länder in der einen oder anderen Form ständig präsent ist. Diesgilt freilich auch für den glorifizierten, idealisierten Tod, als Heldentod imKampf, als freiwilliges Opfer oder als christliches Martyrium. Die vorherr-schende Attitude ist aber doch eine negative¹6, vor allem in jenen Gebieten,wo die christliche Einflußnahme auf den Volksgesang nicht so prägend warwie in Mitteleuropa¹7 bzw. das ständische Ritterideal nicht in dem Maße zumVorbild geworden ist wie etwa in Frankreich 18. Der thanatologische Moti-vkomplex durchzieht demnach mehrere Liedgattungen, ohne sich strengfestmachen zu lassen; die Motivvielfalt ist dabei eingegrenzt durch dierechtlichen Gegebenheiten, die zwischen Toten und Lebenden je nach Volks-gesellschaft bestehen, bzw. durch deren Nichteinhaltung und den darausresultierenden Folgen¹⁹.
Wenn also das Rahmenthema dieser Kommissionstagung der rezenten Tha-natologie- Mode folgt, so ist dies nicht nur ein zeitbedingter Akt wissen-schafstheoretischer Mimesis, sondern auch in der Sache wohlbegründet.Denn der Vorstellungskomplex von Thanatos führt zu einer Fülle von Fra-gestellungen der Liedforschung- wie Liedgattung, Liedfunktion, Singsitua-tion, Funktionverschiebungen und dergleichen mehr, ohne isoliert werdenzu können vom Totum des Volkslebens- wie Eschatologie, gesamtsozietäreÜberlebensstrategien, rituelle Bewältigung der individuellen, familiären undmikrosozietären Krisenmomente( also Brauchtum Glossar ::: zum Glossareintrag Brauchtum)- sowie von anderenGattungen der Volksdichtung( Märchen, Sagen, Legenden, Spruchwissenusw.). Vorliegende Einleitung in diese Tagung wird demnach versuchen, eineArt Typologie der Todesmotivik in den Volksliedern zu entwerfen, freilichnicht vollständig und freilich nicht das gesamteuropäische Material umfas-13 H.-P. Hasenfratz, Die toten Lebenden. Eine religionsphänomenologische Studie zumsozialen Tod in archaischen Gesellschaften. Leiden 1982.
14 Die in der Komparation fast unübersehbare Literatur bleibt hier ausgespart.
15 Zur Zeit der Peloponnesischen Kriege etwa lag die durchschnittliche Lebenserwartung bei20 Jahren( Hahn, op. cit., S. 21).
16 Dies gilt vor allem für die archaischen Gesellschaftsformen und die frühen Hochkulturen( vgl. etwa J. Zandu, Death as an enemy. According to Ancient Egyptian conceptions. Leiden1960).
17 D.-R. Moser, Verkündigung durch Volksgesang. Berlin 1981.
18 Oder auch in Deutschland. Vgl. H. H. Pracher, Jenseitsmotive und ihre Verritterlichung inder deutschen Dichtung des Hochmittelalters. Assen 1961.
19 Dazu A. Wopmann, Grundformen der Vorstellungen vom Leben nach dem Tode. Einekultursoziologische Untersuchung der ,, Totenseelenvorstellungen" in Mythen, Märchenund Sagen. Diss. Wien 1961.
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