Die nationalen Mythen
Die Schweizer sind- auch wenn das viele nicht wahrhaben wollen- inihrem Denken und Fühlen stark durch Mythen bestimmt. Es sind die natio-nalen Mythen, die vom Ursprung der staatlichen Selbständigkeit( am Endedes 13. Jahrhunderts) erzählen, so etwa die bekannte Befreiungsgeschichtemit dem Tellenschuß, dem Tyrannenmord und dem Eidschwur auf derRütliwiese; dazu gehören aber auch spätere Berichte von heroischen Taten,deren Akteure oft geschichtlich nicht faßbar sind, wie etwa Arnold vonWinkelried, der 1386 in der Schlacht bei Sempach gegen Habsburg- Öster-reich den Seinen in der Bedrängnis eine Gasse durch die Speerwand derFeinde gebahnt haben soll. Zwar sind solche Heldenmythen in den letztenJahrzehnten( grundsätzlich bereits seit dem 19. Jahrhundert) durch einekritische, meist links orientierte Geschichtsschreibung und durch einzelneSchriftsteller bekämpft, zum Teil lächerlich gemacht worden( durch diesogenannten ,, Tellentöter"), aber die Mythen wurzeln tief und erweisen sichgegenüber solchen Aufklärungstendenzen meist als resistent. In Zeiten derNot erleben sie ihr„, come back", was sich zum letzten Mal während desZweiten Weltkriegs erwiesen hat. Dabei bleibt die Tatsache, daß die natio-nalen Befreiungsmythen erst seit dem 15. Jahrhundert schriftlich faẞbarwerden, letztlich zweitrangig: Mythen erfüllen eine andere Funktion als dieErkenntnisse der positiven Wissenschaften; sie bilden den Quellgrund deseigenen Wesensverständnisses, der Identität, sprechen die Imagination unddie Emotionen an und bringen Motivationen für das eigene Handeln.
Zwei Gestalten stehen im Vordergrund: Wilhelm Tell, historisch nichtbelegbar, und der Eremit Niklaus von Flüe( 1417- 1487). Beide Gestaltenstammen aus der Urschweiz, sie ergänzen sich, sind in eine enge Wechsel-beziehung geraten. Während Bruder Klaus als Symbol des Friedens und desAusgleichs gilt, haftet an Wilhelm Tell, dem Hirten und Jäger, die Ideetatkräftiger, notfalls aggressiver Selbsthilfe. Tell hat es zudem zu internatio-nalem Ruhm gebracht; in vielen Ländern Europas und selbst in Übersee gilter als Vertreter freiheitlicher Werte. In der Schweiz ist er zu einem außeror-dentlich werbewirksamen Faktor geworden. Die Wirtschaft bedient sichseiner genauso wie die politischen Gruppierungen, ob rechts oder links. DasTellepos hat seine visuelle Suggestivität; mit eindrücklichen Sequenzen bringtes Motive ins Bewußtsein des Volkes, die handlungsbestimmend sind: der Mutdes Einzelnen, der in der äußersten Bedrängnis eine adäquate Lösung sucht undfindet, spontan und dem innern Impuls, nicht rationalen Überlegungen folgend.Ihm steht die andere archetypische Gestalt gegenüber, Gessler der Vogt, diefremde, usurpierende Macht vertretend, Recht und Tugend mit den Füßentretend. Auffallend ist, wie wenig die schweizerische Mythenlandschaft mitFrauengestalten besetzt ist, im Gegensatz etwa zu Frankreich mit Jeanned'Arc. Das weist auf die männerbetonte Schweizer Geschichte hin.
46
46