beeinflussen). In unserer Epoche gibt es mehr als nur eine neue Märchenka-tegorie. Doch hier interessiert uns das„ klassische" Märchen.
Wollte jemand das grundlegende Hauptmerkmal des Märchens benennen,das in sich alle anderen Charakteristika dieser Erzählgattung miteinschließtund seine Ästhetik entscheidend bestimmt, so müßte er zweifellos dessenFähigkeit nennen, Seelenzustände nach außen zu projezieren, zu materiali-sieren, Bild werden zu lassen, was Carl Spitteler für das letzte Gesetz derepischen Dichtung überhaupt ansieht¹51. Lüthi führt das Beispiel des mitlei-digen Kindes an, von dem das Märchen nicht berichtet, daß es mitleidiggewesen sei, sondern einfach daß es sein Brot mit den Armen geteilt habe.Es gibt uns kein Adjektiv, keine„ theoretische" Charakterisierung, sonderneine Handlung, Praxis. Ich möchte noch ein weiteres, etwas eindrucksvolle-res Beispiel nennen, aus einem kretischen Märchen. Im Märchen von derbösen Schwiegermutter, die die Braut, um sie bei ihrem Sohn schlechtzuma-chen, scheinbar Hunde und Katzen gebären läßt, indem sie die Neugebore-nen versteckt, in diesem Märchen wird das Schicksal dieser Kinder erzählt,die Abenteuer, die sie vor der Entdeckung der Wahrheit und der Erlösungvon der bösen Schwiegermutter zu bestehen haben; hier finden wir folgendesMotiv: der( vorläufige) Stiefvater der Kinder, ein herzensguter Drake, hatdem kleinen Schwesterchen zwei Stühle geschenkt:„ Der eine war aus Gold,der andere aus Silber. Wenn das Mädchen froh war, setzte es sich auf dengoldenen Stuhl, war es traurig, auf den silbernen. Ihre Brüder fragten sie alsobeunruhigt, sobald sie auf dem silbernen Stuhl saß, was sie wohl bedrük-ke." 152 Das Beispiel ist eindrucksvoll, weil der innere Zustand hier invölligem Schweigen, ohne irgendwelche Worte, pantomimisch allein durchdie Körpersprache veräußerlicht wird.
Der Prozeß der Objektivierung der subjektiven Welt, die Projektion nachaußen, die Bildwerdung der Innenwelt, die Konventionalisierung der Eigen-heiten, all das verführt häufig zur Ansicht, daß das Märchen keinen subjek-tiven Hintergrund habe, keine innere Dimension. Doch in Wirklichkeitverhält sich dies anders: auch diese Elemente sind anzutreffen, doch sind sieintegriert in die anderen, die auch quantitativ und qualitativ überwiegen. Essei nur darauf hingewiesen, daß dieser grundlegende Vorgang auch ingeistigen Schöpfungen anzutreffen ist, bei den Mythen Platons etwa in der,, Politeia" oder im„ Phaidon", bei Solomos im Gedicht der„, Freien Belager-ten" oder im„ Kreter", bei Palamas mit dem Zigeunermotiv Glossar ::: zum Glossareintrag Zigeunermotiv, Ithaka beiKavafis usw. Es gibt wohl kaum einen bedeutenden Dichter oder Literaten,der von diesem Vorgang der Bildwerdung, der Symbolwerdung eines inne-ren( ideologischen oder andern) Inhalts nicht Gebrauch gemacht hätte. Diessei, um zum Märchen zurückzukehren, an einem aktuellen, nicht nur für dieVolksliteratur aktuellen Thema dargetan: dem Todesmotiv. Es sei vorausge-schickt, daß mit diesem Motiv in ganz analoger Weise wie im Märchen Jean151 Carl Spitteler, Gesammelte Werke. Bd. VII. Zürich 1947, S. 181, Vgl. auch Lüthi, op.cit.,S. 48 und 54.
152 E. Dundulaki- Ustamanolaki, Пapaб0 g Kpуng. Athen 1982( 2. Aufl. 1984), S. 55.
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