Bräutigam mit der Braut in ihre Kammer zurückziehen sollten, da stand dieSchneiderstochter zuerst auf, ging in ihr Brautzimmer, nahm die Puppe ausder Truhe und zog ihr die Brautkleider an, legte sie ins Brautbett und zogihr das Linnen hoch, so daß man glaubte, sie sei ein Mensch. Dann ging siehin und versteckte sich selbst in der Truhe.
Und da kam auch schon der Königssohn. Als er die Puppe in seinem Bettsah, hielt er sie für seine Frau.„, Ha, du Hündin", sagte er,„ jetzt sitzt du daund wartest und glaubst, du hättest mich herumgekriegt, aber ich, ich wartenur auf diesen Augenblick, so lange Zeit schon!"
Er zieht sein Schwert und hebt es hoch und haut der Puppe mit einem Schlagden Kopf ab. Dann geht er hin und schleckt an der Klinge.„, Ha!", sagt er,,, süß wie Zucker war sie!"
"
Da springt die richtige Braut aus der Truhe und spricht zu ihm:
Ein süßes Mädchen deinem Zorn
und ich steh dir zu Willen!
Da sie der Köngissohn derart plötzlich vor sich sah, wo er sie hingeschlach-tet glaubte, da stutzte er. Aber sein Zorn war schon verflogen und er brachtees nicht übers Herz, sie nochmals zu töten. Also umarmte er sie, er küẞte sie,und sie liebten einander.
Am anderen Morgen zeitig in der Früh kamen der Vater und die Mutter derSchneiderstochter vor den Palast, um die schlechten Neuigkeiten ihrerTochter zu erfahren. Da zeigt sich der Königssohn am Fenster und wirftihnen eine Hand und einen Fuß von der Zuckerpuppe zu.„ Da, eßt ein Stückvon eurer Tochter", ruft er ihnen zu.
Bald darauf kam auch die Schneiderstochter, und da sie ihre Eltern wieder-sahen, rutschte ihr Herz wieder an seinen richtigen Platz. So hatte die schöneSchneiderstochter mit ihrer Schönheit und ihrer Klugheit den Königssohnzum Mann gewonnen, und sie lebten beide ihr Leben glücklich; mögen dochauch wir mit ihnen in ihrem Palast sein, damit sie auch uns ein Knöchelchenübriglassen!
Diese Erzählung, von der wir in Griechenland noch weitere 52 Variantenbzw. Aufzeichnungen haben, finden wir auch in Spanien und Hispano- Ame-rika in 37 Versionen, in Italien in 10, aber auch in Frankreich( eine Version),in Rumänien( 1), in Jugoslawien( 2), auf Korsika( 1), auf Malta( 1), inÄgypten( 2), in Yemen( 1), in Saudiarabien( 1) und in der Türkei( 7). Unddie mit ihr nur locker verbundenen Versionen weisen eine noch weitereVerbreitung auf, sie reichen bis Rußland, Indien und den Kabylen in Afrika'.Märchen überschreiten also ethnische Grenzen, verbreiten sich bei vielenverschiedenen Völkern, und darin besteht einer der wesentlichen Unter-schiede zu den Volkssagen, aber auch zu den Volksliedern, in denen sich,wie Nikolaos Politis es ausgedrückt hat,„ der eigentümliche Charakter jeden
6 Lukatos, S. 154ff., Nr. 5.
7 Michael Meraklis, Das Basilikummädchen, eine Volksnovelle( AT 879). Diss. Göttingen1970.
19