Charakter haben. Diese Erzählungen sind meist jüngerer Entstehung, weisennicht das archaische Alter der übrigen Märchen auf. Das Alter dieser Erzäh-lung läßt sich bis auf die Renaissance zurückverfolgen, in der sie auchwahrscheinlich entstanden ist. Sie hat die Liebe zweier junger Menschenzum Thema, die sich langsam aber stetig entwickelt, und die sie, nach einemfeinen psychologischen Gespür des Volkserzählers, hinter scheinbar feind-lichen Handlungen zu verbergen suchen.
Der Königssohn und die Schneiderstocher
Es war einmal ein Schneider, der hatte eine sehr schöne Tochter. Sie saẞ vordem Fenster des Hauses und nähte, und jeden Tag kam draußen zu Pferd derKönigssohn vorbei und grüßte sie. Eines morgens war die Schneiderstochterin den Garten gegangen, um Feigen zu pflücken. Da kam der Königssohnzu Pferd vorbei, und da das lange Haar der Schneiderstochter nahe derMauer bis auf den Boden fiel, hat er einen ihrer Zöpfe genommen und geküẞt.Am anderen Morgen, als der Königssohn wieder am Haus des Schneidersvorbeiritt und die Schneiderstochter sah, die am Fenster såß und nähte, dagrüßte er sie und sprach:
Gut waren die süßen Feigen vom süßen Feigenbaum,
gut waren auch die zwei Küsse auf den rechten deiner Zöpfe!
Die arme Schneiderstochter, wie sie das hörte, war gar beschämt.„ Ach“,sagte sie ,,, was sagt er mir da vor aller Welt und macht mich tausendmallächerlich!"
Sie verlor aber kein Wort darüber zu den Ihrigen, sie saß nur da und wartete,was der Königssohn wohl machen würde. Der aber machte dasselbe. JedenMorgen kam er vorbei und sprach zu ihr:
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Gut waren die süßen Feigen von dem süßen Feigenbaum,
gut waren auch die zwei Küsse auf den rechten deiner Zöpfe!
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Da dachte die Schneiderstochter nach, was sie wohl zu tun hätte, und zuguter letzt ging sie zu ihrem Vater und sprach zu ihm:„, Vater, kauf mir eingutes Pferd und eine Laute, und lasse mir eine Manneskleidung machen."Gut, mein Kind", entgegnete ihr Vater.( Er liebte sie, wie man sieht, sehr,denn sie war seine einzige Tochter, und er erfüllte ihr jeden Wunsch).Da zog sich die Schneiderstochter die Manneskleider an, bestieg das Pferdund ritt vor den Königspalast, wo sie die Laute zu spielen begann. Da hörteder Königssohn das schöne Instrument und fragte zu erfahren, wer es wohlspielte.„ Ein Jüngling auf einem Pferd, hier vor dem Schloß", war dieAntwort. ,, Er möge hereinkommen", befahl der Königssohn.
Man bringt also die Schneiderstochter ins Innere, und der Königssohn trägtihr auf, die Laute zu spielen. Da setzt sie sich hin und spielt ihm eine Weile.Wie hätte er sie nur erkennen können! Und als der Augenblick kam, da siegehen wollte, da sprach der Königssohn: ,, Verkaufst du mir die Laute?"" Ichverkaufe sie", sprache sie ,,, aber nicht für Geld." ,, Wofür dann?", Wer will,
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