24
Rehe und weitere Tiere auf der Flucht begriffen darstellen, endlich die, die sieerjagen möchten und sie atemlos mit ihren Hunden hetzen. Ich denke, dieseWir sehen das MittelfeldBeschreibung paßt auffallend auf Abbildung 10.umrahmt von Fangnetzen, weiter die Tiere, Gazellen oder Hirsche, die vonrechts her durch Elefanten in das Jagdfeld getrieben werden, und wir sehendie Jäger, wie in der Stickerei zu Pferde. Sie jagen in gestrecktem Galopphinter und neben dem Wilde her, der riesige Bogenschütze gefolgt von einerMeute von Hunden. Das ist das Gegenständliche; dazu kommt der mit derStickerei schlagend übereinstimmende formale Aufbau der Jagdszene: DieFiguren sind einzeln oder in Reihen übereinandergestellt, meist im Profil,seltener in Dreiviertelwendung, die Gesichter öfter in Vorderansicht. JedeÜberschneidung ist vermieden. Freilich, wo in der Stickerei mit epischemBehagen erzählt wird, da herrscht hier, den Worten des Nilus entsprechend,dramatisches Leben.
Zu dieser Jagddarstellung gesellt sich am Tak- i- Bostan, Abbildung 11, derRankenkandelaber. Es kommt hier nicht so sehr auf die Detaildurchführungdes Motivs, als darauf an, daß es überhaupt zusammen mit der Jagddarstellungauftritt. Wir sehen den Stamm an der Abzweigung der Ranken durch einKelchblatt abgebunden, daraus die runden Stiele nach den Seiten rollend undin Blattwedel oder Blüten endigend, dazwischen wie Straußenfedern gefiederteBlattmassen paarweise aufrecht stehend, das Ganze in breiter Krone endigend.
Nachdem nun das Nebeneinander von Haus und Baum, bzw. Jagd undBaum, wie es auf der Stickerei zu sehen ist, aus der altchristlichen undsassanidischen Kunst belegt ist, wird es sich darum handeln zu zeigen, in-wieweit etwa auch Einzelheiten dieser Motive, die bis jetzt nicht belegt sind,ihre Voraussetzung in den Kunstkreisen haben, die in Nilus vom Sinai, ausBethlehem und im Tak- i- Bostan herangezogen wurden. Die„ Schildereien vonfliegenden, gehenden, kriechenden Tieren und jeglicher Art Pflanzen“, dieOlympiodoros in seiner Kirche malen lassen wollte, können als Beleg für dieTiere und Vögel gelten, die auf unserer Stickerei im Gegensatz zu Bethlehemund dem Tak- i- Bostan am Fuße, in den Ranken und über dem Kandelaber-baum verteilt erscheinen. Man braucht nur einen Blick in die Kanonestafelnsyrischer Evangeliare, vor allem in das reichste, 586 im Kloster Zagba in Me-sopotamien geschriebene zu werfen, um sich auch wieder zu überzeugen, daßOlympiodoros durchaus etwas in seiner Zeit Typisches malen lassen wollte. Ichbilde hier in Abbildung 12 die Kanonesarkade eines armenischen Evangeliarsin Lemberg ab, das im Jahre 1198 in Kilikien geschrieben ist. Es ist also vonden Armeniern in Galizien importiert. Das Blatt, das ich aus dem reichenBilderschmuck dieser Handschrift vorführe, zeigt wieder anscheinend den Quer-schnitt eines Hauses. In Wirklichkeit handelt es sich um die in der persisch-hellenistischen Kunst und in Syrien stereotyp als Dekorationsmotiv wieder-kehrende Nische oder Arkade. Immerhin wird man auch wieder den Eindruckder engen Verwandtschaft dieses Blattes mit der Stickerei, ähnlich etwa wiebei den Mosaiken von Bethlehem bekommen. Die Säulen mit ihrem förmigenAufsatz, woraus sich leicht durch Umdeutung das Haus der Stickerei entwickelthaben könnte, sind wie dieses Haus seitlich begleitet von Pflanzenmotiven ver-