Alltagsdinge. Umgang mit Sachen seit 1945
einem seiner Beispiele ein Holzpferdchen, das alljährlich als Weihnachts-schmuck dient, an das tragische Schicksal eines Kindes in der Familieerinnert, ³¹ so manifestiert sich in Spital die unangenehme Jugendzeit zweierSchwestern, der Umstand, dass sie nicht von zuhause weg konnten, umeine Ausbildung zu genießen, in je einem BAUERNKASTEN, den jede derbeiden als verspätetes Erbe bekommen hat. Diese symbolische Bedeu-tung wird nur im Interview offenbar, erklärt sich nicht aus den Möbelnselbst und auch nicht aus deren räumlichem Kontext.
Geerbte Dinge
Eng mit dem Aspekt der Erinnerung verbunden ist der des Erbens, auchwenn der Erbebegriff sehr unterschiedlich definiert wird. Sieht etwa PierreBourdieu das Erben als lebenslangen Prozess, bei dem die Weitergabevon Realien nur einen Aspekt unter mehreren darstellt, 32 so tritt dieseWeitergabe sowohl bei verschiedenen anthropologischen als auch volks-kundlichen Untersuchungen durchaus in den Mittelpunkt des Interesses.Besonders auf die„ Bedeutung geerbter Dinge aus der Perspektive derSubjekte" legt Ulrike Langbein in ihrer Studie zum Erben Wert.33 Sie hältfest, dass die Bezeichnung ERBE verwendet wird, um bestimmte Objekte,Alltagsgegenstände von anderen zu unterscheiden und in besonderer Weisezu behandeln.34
Bei unserer Untersuchung zeigte sich die Bedeutung von Erbstückensowohl für jüngere als auch für ältere Personen, wobei die Bedeutung imMateriellen wie im Symbolischen zu finden war und durchaus auchnegativ konnotiert sein konnte, wie in einer Aussage zu den 50er Jahren,in der es mit dem Hinweis auf die einfache, teilweise ererbte Einrichtungheißt:„ Es gab keinen Überfluss, jeder musste hart arbeiten und hatte nurdas Notwendigste!"
Die starke symbolische Aufladung wird in mehreren Fällen besondersgut sichtbar, in denen im bäuerlichen Bereich ein Schrank aus dem 19.Jahrhundert vorhanden ist, der einerseits als Erbstück übernommenwurde, andererseits zugleich eine Entschädigung beziehungsweise einenDank dafür ausdrückt, dass die nun Erbenden auf ihre Ansprüche auf
31 Ebd., S. 75.
32 Pierre Bourdieu: Die feinen Unterschiede. Kritik der gesellschaftlichen Urteilskraft.3. Aufl., Frankfurt am Main 1984, S. 136f.
33 Ulrike Langbein: Geerbte Dinge. Soziale Praxis und symbolische Bedeutung desErbens( Alltag& Kultur, Bd. 9). Köln, Weimar, Wien 2002, S. 29.
34 Ebd., S. 12.
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