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Alltagskulturen : Forschungen und Dokumentationen zu österreichischen Alltagen seit 1945 ; Referate der Österreichischen Volkskundetagung 2004 in Sankt Pölten
Entstehung
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Burkhard Pöttler

Der Fernseher ein Schritt zur Individualisierung

Die Bedeutung des Fernsehgeräts, oder meist schlicht, wenn auchsemantisch zweideutig, FERNSEHER genannt, ist mittlerweile von verschie-denen Seiten untersucht worden. Die Bedeutungsverschiebung desBegriffs FERNSEHER von der fernsehenden Person auf das Gerät interpre-tiert Knut Hickethier als, Abschied vom Traum des instrumentalisiertenFern- Sehens", da der früher aktive Fern- Seher nun zum Zuschauer wird,der als Teil des Publikums sich Programme einer Unterhaltungs- undInformationsindustrie ansieht und so zur Außenstelle einer KULTURMASCHINEwird. 16 Wenngleich die ersten Geräte schon in den 50er Jahren in unserUntersuchungsgebiet Eingang fanden, so erfolgte das Eindringen des Fern-sehers in die Haushalte doch relativ langsam. Noch in den 60er Jahrenwar besonders das ÖFFENTLICHE FERNSEHEN, etwa im Wirtshaus, vonBedeutung, während private Geräte die Ausnahme darstellten. Erst Endeder 60er und besonders in den 70ern kam es zu einer signifikantenZunahme von privaten Fernsehern, zu einer Zeit also, als in Deutschlandschon drei Viertel der Haushalte mit Fernsehen versorgt waren." Dieserrelativ späte Einstieg könnte freilich durch die schlechte Empfangssituationin der Region Spital/ Windischgarsten zumindest mit bedingt sein. Dassdieses neue Medium durchaus auch mit Skepsis betrachtet wurde, zeigtsich in einem Fall, wo das 1973 angeschaffte Gerät bald wieder verkauftwurde, da zu viel Gewalt zu sehen war und die Kinder wegen derProgrammauswahl stritten. Die endgültige Einführung kam in dieserFamilie jedoch wieder durch die Kinder, da sie nach Meinung der Elternzu viel Zeit bei Freunden verbrachten um fernzusehen. Hatten in den60ern auch in Windischgarsten die Fernseher in Form des Fernseh-schrankes noch den Status eines Möbels beziehungsweise eines Gerätes,das nur bei Bedarf auf die VORDERBÜHNE des Wohnzimmers geholt wurde,so nahmen die Geräte bald eine dauerhaft sichtbare, prominente Positionein. Jo Reichertz 18 spricht sogar vom Fernsehgerät als Hausaltar", auchwenn er diesen Vergleich im übertragenen Sinn verstanden wissen möch-

16 Knut Hickethier: Der Fernseher. Zwischen Teilhabe und Medienkonsum. In:Wolfgang Ruppert( Hg.): Fahrrad, Auto, Fernsehschrank. Zur Kulturgeschichte derAlltagsdinge. Frankfurt am Main 1993, S. 162-187, hier S. 164.

17 Ebd., S. 170.

18 Jo Reichertz: Zauberspiegel, Hausaltar oder Kanzel- Das Fernsehgerät alsOrientierungsmedium. In: Hans Albrecht Hartmann u. Rolf Haubl( Hg.): Von Dingenund Menschen. Funktion und Bedeutung materieller Kultur. Wiesbaden 2000, hierS. 130.

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