Hermann Steininger
Kunstgeschichtliche Schwerpunkte des Alltags zur Barockzeit wären indiesem Zusammenhang ebenfalls zu nennen.³ Einen wesentlichen Zugangzu Betrachtungen des Alltags seit der Ersten Republik erschloss bekannt-lich die zeitgeschichtlich orientierte Alltagsgeschichte als Geschichte desAlltäglichen im politischen Raum als einer GESCHICHTE VON UNTEN, mitdem Ziel, die Gesellschaft durch den Blick auf die durchlebte Geschichtezu demokratisieren.4 Vor allem Laien wurden in diesen Forschungs- undInterpretationsprozess mit einbezogen, wobei die kritische Reflexion dieserQuellen als sehr wesentlich angesehen wird.5 Hierbei haben alltags-geschichtliche Forschungen regional- und lokalhistorischen Charakter,und die Quellen dafür sind in der Regel lebensgeschichtliche Dokumente( Oral history, Autobiographien, Tagebücher, Briefe, Fotos,...). Die imInstitut für Wirtschafts- und Sozialgeschichte der Universität Wien ge-sammelten und dort befindlichen Materialien, Selbstzeugnisse autobio-grafischer Art, die seit Jahren in der Reihe Damit es nicht verlorengeht...vorwiegend thematisch geordnet herausgegeben wurden und deren Auto-rinnen und Autoren mehrheitlich sozialen Unterschichten angehören, ent-halten zahlreiche kommentiert veröffentlichte Informationen über per-sönliche und darüber hinausgreifende Erfahrungen, die sehr betroffenmachen und in lebensgeschichtlichen Gesprächskreisen im Rahmen zeit-geschichtlicher und ethnologischer Forschung aufgearbeitet und zum Teilin alltagsgeschichtlichen Museen und Ausstellungen präsentiert werden.In all diesen alltagshistorischen beziehungsweise alltagsbezüglichenSammlungen stehen die Erfahrungen des einzelnen Experten im Mittel-punkt und da die meisten Erzählungen auf persönliche Erfahrungen zu-rückgreifen und im Ausnahmefall Erinnerungen an Erlebnisse von Vor-fahren tradiert werden, erscheint der Schwerpunkt von Berichten meistbegrenzt von der Zeit um 1900 bis in die letzten Lebensjahre des jeweili-gen Erzählers. Das heißt, auch die Zeit nach 1945 bis etwa in die Sechziger-
3 Gabriele Praschl- Bichler: Alltag im Barock( Edition Kaleidoskop). Graz, Wien, Köln,1995.
4 Gert Dressel: Historische Anthropologie. Eine Einführung. Wien, Köln, Weimar, 1996,
S. 256-263.
5 Marianne Baumgartner: Das Projekt„ Erzählte Lebensgeschichte- Frauen in Nie-derösterreich" wurde beendet. In: Frauen erzählen Lebensgeschichten, 3. Jg., 1991,Nr. 2, S. 2f.
6 Z. B. Ernst Bezemek: Alltag in bewegter Zeit- Die Marktgemeinde Au am Leithabergein den Jahren 1950 bis heute. In: Krauscher Rudolf: Au am Leithaberge. Au amLeithaberge, Horn 2002, S. 276-292 u. Hans Leopold: Alltag in einem Industrieort.100 Jahre Sozialdemokratie in Pottendorf und Landegg. Pottendorf, WienerNeustadt 1988.
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