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Alltagskulturen : Forschungen und Dokumentationen zu österreichischen Alltagen seit 1945 ; Referate der Österreichischen Volkskundetagung 2004 in Sankt Pölten
Entstehung
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Alltage in Graffiti

Friedrich Salomo Krauss' Anthropophyteia genauso hervor, ³ wie bei-spielsweise aus den Lebenserinnerungen der Klofrau Wetti Himmlisch,die ein von ihr so benanntes Hygieneinstitut in der Nähe des Parla-ments leitete, in welchem Abgeordnete der verschiedensten Volksgrup-pen per Graffiti Dispute führten, aus denen ersichtlich wurde, dass derdamalige Nationalismus einfach keine Einigung zuließ.4 Dem 1906erschienen und vom Historiker Peter Payer mit ausführlichem Nachwortneu herausgegeben Werk attestiert der Historiker realistischen Gehalt,vermutet jedoch den Autor im Wiener Lokalschriftsteller VinzencChiavacci. Dieser wiederum wird von Leopold Schmidt in seinenAusführungen zu Zeugen und Quellen seiner Wiener Großstadtvolkskundeals einer der wahren Erforscher Wiens in der Zeit ungefähr von 1866 bis1914 angeführt.6

Sowohl in den Antropophyteia als auch in der Himmlisch- Sammlung sindSprüche zu lesen, die sich mit ihren inhaltlichen Stereotypen undVorurteilen heute noch so oder ähnlich an den Wänden nicht nur vonToiletten- Anlagen finden.'

In der Relation aller innerhalb des heutigen Österreich lebendenMenschen dürften die Serben meiner Beobachtung nach die am stärkstengraffitierende Gruppe aufbieten. Nach wie vor werden ihre Graffitiauffällig oft beantwortet. Es scheint, ähnlich wie bei den Fußball- Fans,diesen ethnischen Gruppen das eigene Symbol genauso heilig zu sein wieder Kampf um Degradierung der Symbole der anderen. Der Inbegriff derBeleidigung eines Symbols, das der andere wertschätzt, ist neben dessenAuslöschung eine graffitistische Veränderung, die das Symbol lächerlichmacht. Wenn im Cetnik- Zeichen, das übrigens nicht gerade selten in Nach-barschaft von Hakenkreuzen sichtbar wird, von Gegnern den vier C imKreuz plötzlich der Buchstabe W vorangestellt wird, wie in Graffitiwiederholt geschehen, soll dies meinen, dass diese Gruppierung einzigfürs Hinunterspülen am Klo geeignet sei.

3 Vgl. u.a. Hugo E. Luedecke: Grundlagen der Skatologie. In: Friedrich Salomo Krauss( Hg.): Anthropophyteia Bd. IV, 1907, S. 316-327, hier S. 317f.

4 Vgl. Peter Payer( Hg.): Leben, Meinungen und Wirken der Witwe Wetti Himmlisch.Memoiren einer Toilettefrau um 1900. Wien 2001, S. 165f.

5 Ebd., S. 160.

6 Leopold Schmidt: Wiener Volkskunde. In: Wiener Zeitschrift für Volkskunde, Er-gänzungsband 16, 1940, S. 17.

7 Vgl. Payer, wie Anm. 4, S. 171f.

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