Dieter Kramer
Mythen:„ Wer nie genug hat, ist immer arm." Gesagt wird auch:„, Bessergenug, als zu viel“ oder„ Genug haben ist steter Festtag."
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Das Sprichwort weiß um die soziale Dimension der Begrenzungsfähigkeit:,, Das Wörtlein, genug' steht nicht im Wörterbuch eines Reichen". Daskann in sozialen Spott umschlagen:„ Was man genug hat, dess ist mansatt, sagte der Bauer, da war er drei Tage verheirathet." Ebenso weiß dasSprichwort um die Relativität von Reichtum:„ Genug haben ist mehr alsviel haben." ,, Nous sommes riches en peu de besoins" ist die stolze Devi-se freier Subsistenzbauern in den Schweizer Alpen.
Die fehlende Fähigkeit zur Selbstbegrenzung verbindet sich in den Sym-bolisierungen der Kulturen mit der Hybris, etwa im Mythos vom Herren( oder der Herrin) der Tiere: Dem Jäger wird die Zahl der zu erlegendenTiere begrenzt und er wird bestraft, wenn er sich nicht an die Vereinba-rung hält. Faust ist vor allem im zweiten Teil von Goethes Bearbeitungdes Stoffes eine Parabel für den Fluch der Unersättlichkeit und der Unfä-higkeit zur Selbstbegrenzung. Auch im antiken Mythos verhungertKönig Midas schließlich, weil ihm alles, was er anrührt, zu Gold wird( wir denken auch an das Motiv, dass goldgierigen Räubern oder Erobe-rern flüssiges Gold in den Rachen gegossen wird, um ihrer Goldgier ge-nüge zu tun).
Den Symbolen der Selbstbegrenzung treten konkretisierende Praktikenund Strategien zur Seite. Menschen sind prinzipiell in der Lage, Selbst-begrenzung zu üben, und dies steht auch nicht in Widerspruch zur Demo-kratie, ja prinzipiell nicht einmal in Widerspruch zur Marktwirtschaft,sobald Ökologie als Langzeitökonomie begriffen und zugestanden wird,dass auch eine Marktgesellschaft nicht ohne rudimentäre Regelungen desMarktes auskommt.
Für die vorindustriellen Bauern war Selbstbegrenzung eine Selbstverständ-lichkeit. Als bei einem Umtrunk die ethnologischen Feldforscher demungarischen Bauern Ferenc Orbán eine Ernte von 100 Hektolitern Weinin den Keller wünschen, antwortet dieser:„ Das wäre zuviel[...] sovielwünschen Sie mir lieber nicht. Zwanzig Eimer genügen.“ Zuviel fügtsich nicht in das kulturelle System, damit lässt sich nichts anfangen. DieForscher kommentieren:
,, Das Glück ist kein Ausblick ins Unendliche. Ferenc Orbán wünscht sich
26 Karl F. Wander: Deutsches Sprichwörter- Lexikon. Ein Hausschatz für das deutscheVolk. Bd. 1. Neudruck, Augsburg 1987, S. 1554ff.
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